Schwurbelnde, rechtsextreme Covidioten oder offenherziger, friedlicher, internationaler Querschnitt der Gesellschaft ? – Eindrücke von einer Demonstration gegen die deutsche „Corona-Politik“

Ich, für meine Begriffe, habe an diesem Samstag in Wiesbaden einen offenherzigen, friedlichen und internationalen Querschnitt der Gesellschaft erlebt, der mit Fug und Recht seine kritische Haltung gegenüber einem Gesundheitsnihilismus auf die Straße trug, der zusehends zur absurden und repressiv durchgesetzten Staatsdoktrin wird.

Am Samstag, den 17. April 2021 war ich in Wiesbaden zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder auf einer Demonstration, genau genommen sogar auf zwei.

„Alles Nazis und Rechtsextreme da drüben…“

Bevor ich es mich auf die Demo der Kritiker der Coronapolitik verschlug, habe ich mich zunächst zur Gegendemo gesellt, um mir anzuhören, was sie vorzubringen haben. Die Hessenschau spricht von einer Kundgebung des „Wiesbadener Bündnisses für Demokratie“ und erweckt so den Eindruck einer zivilgesellschaftlichen Initiative. Die Tatsache, dass ich auf dem Bahnhofsvorplatz beinahe ausschließlich Banner und Plakate der JuSos und ver.di – Jugend gesehen habe, lässt mir persönlich massive Zweifel daran aufkommen, dass hier jenseits des formellen Anmelders tatsächlich eine zivilgesellschaftliche Bewegung als Hauptinitiator fungierte.

Auf mich zugekommen ist dort niemand, angefeindet wurde ich auch nicht. Mein Eindruck war, dass JuSos und ver.di – Jugend unter sich bleiben wollten. Ich habe die Teilnehmer nicht durchgezählt, aber ihre Anzahl erschien mir deutlich geringer als 300, wie vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dem Regionalsender von RTL kommuniziert wurde. Ich denke, es waren maximal halb so viele.

Nach ca. 15 Minuten habe ich die Gegendemonstration verlassen, da bei dieser – nach meinem Dafürhalten – unmittelbar mit einer bundesdeutschen Regierungspartei verbandelten sowie institutionalisiert wirkenden, Kundgebung nichts zu hören war außer den üblichen Platituden nach dem Motto „Alles Nazis und Rechtsextremen da drüben…“

Gegendemonstration auf dem Bahnhofsvorplatz

Die vermeintlichen „Covidioten“ sind ein offenherziger, ausgewogener Querschnitt der Gesellschaft

Zu den Reden auf der regierungskritischen Demo kann ich leider nichts sagen. Ich habe sie alle verpasst. Zur Wahrheit gehört, dass mir tatsächlich unter knapp 2000 Demonstranten vier, etwas abseits stehende Männer, mit Reichsflagge auffielen. Deutschlandflaggen waren in größerer Anzahl vorhanden, allerdings nicht übermäßig viele. Zwei Frauen stimmten später einmal kurz die Nationalhymne an (die 3. Strophe) an. Außer den beiden sang aber niemand mit. Selbst erstellte Banner und Plakate mit u.a. lockdownkritischen Slogans überwogen deutlich.

Auf dieser Kundgebung kam ich recht schnell mit vielen Teilnehmern ins Gespräch, mindestens drei Dutzend. Natürlich bin ich – wie jeder Mensch auf der Welt – voreingenommen, selbst scharfer Kritiker des Lockdown-Dogmatismus der deutschen Bundesregierung und gebe offen zu im Spannungsfeld richtungsweisender gesellschaftlicher Konflikte dazu zu neigen, mich bisweilen reflexartig an Mottos wie „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ und „Im Zweifel immer für den Underdog“ zu orientieren. Vielleicht oder wahrscheinlich fiel mir die Kontaktaufnahme deshalb hier leichter. Jedenfalls teile ich den Eindruck, den Boris Reitschuster bereits in seinen zahlreichen Livestreams gewonnen und vermittelt hat: Hier hat ein bunter Querschnitt der Gesellschaft demonstriert, von Akademikern, über Angestellte, Studierende, Leistungssportler bis hin zu Erwerbslosen und von Konservativen, über Liberale bis hin zu klassischen Linken und Esoterikern.

Man begegnete mir stets freundlich und aufgeschlossen, obwohl ich immer wieder betonte aus einer Vielzahl von Gründen gegen totalitäre, rückständige und verheerende schädliche Lockdowns zu sein, es aber 1.) für kontraproduktiv halte, sich an vergleichsweisen Kleinigkeiten wie der Maskenpflicht zu stören und 2.) nach Rücksprache mit Medizinern die Impfung gegen Covid-19, zumindest in Bezug auf einen der bislang zugelassenen Impfstoffe, für unbedenklich halte.

Demonstration auf den Reisinger Anlagen
Protest auf den Reisinger Anlagen
Regierungskritische Demonstranten eigentlich auf dem Weg zum Luisenplatz, tatsächlich auf dem Weg in den Kessel auf dem Kaiser-Friedrich-Ring

20% – 30% Migranten unter den Regierungskritikern

Während sowohl die Hessenschau als auch RTL die Teilnahme von NPD-Politikern und Reichsbürgern sowie „drei Personen“, die „Flugblätter einer rechtsgerichteten Organisation“ bei sich führten, hervorhoben, empfand ich etwas anderes als bemerkenswert, nämlich den hohen Migrantenanteil unter den regierungskritischen Demonstranten. Ich schätze ihn auf mindestens 20%, vielleicht sogar 30%. Neben natürlich deutsch, hörte ich ungefähr ein Dutzend weiterer Sprachen und unterhielt mich längere Zeit u.a. mit einem Afroamerikaner, zwei Rumänen, einem Ukrainer, drei Kosovo-Albanern und mehreren Russlanddeutschen. Viele Osteuropäer berichteten über eigene Diktaturerfahrungen und die, von ihnen wahrgenommenen Déjà-Vus angesichts des gegenwärtigen Berliner Regierungskurses.

„Es ist eine Diktatur“

Besonders prägnant und bewegend waren die Äußerungen einer jungen Kosovarin, die mit einigen hundert weiteren Demonstranten über Stunden auf dem Kaiser-Friedrich-Ring von der Polizei eingeschlossen war; eine hochgradig fragwürdige Vorgehensweise, die auch der iranstämmige Regisseur und Medienwissenschaftler Dr. Gérard Naziri in einem offenen Brief an den hessischen Innenminister Beuth scharf kritisiert.

Wortwörtlich sagte sie:

„Ich habe bis heute nie richtig verstanden, was Mama meint, wenn sie von der Angst und Abneigung gegen den Staat spricht, die sie verspürte, wenn sie sich vor den Gefechten zwischen unserer Guerilla [gemeint ist die UCK] und der jugoslawischen Armee versteckte. Jetzt weiß ich es.“

Mein ukrainischer Gesprächspartner war auf dem Kaiser-Friedrich-Ring derselben Situation ausgesetzt und äußerte sich folgendermaßen:

„Ich bin schockiert, was hier passiert. Im Januar bin ich mit dem Auto in die Ukraine gefahren. Polizeipräsenz und Kontrollen auf den Autobahnen in Deutschland haben mich an meine Kindheit erinnert. Als ich die deutsch-polnische Grenze passierte, habe ich erst einmal eine halbe Stunde lang gebetet und Gott gedankt, dass es nach drüben geschafft habe. Bei uns in der Ukraine ist alles offen, sogar die Discotheken, und es funktioniert. Ich bin als Kind aus der Sowjetunion in die DDR ausgewandert, habe also sehr früh zwei Diktaturen kennengelernt und erlebt. Ich bin heute zum ersten Mal zu einer solchen Kundgebung gegangen, weil ich wissen wollte, ob wir in Deutschland noch in einer Demokratie oder bereits in einer Diktatur leben. Jetzt sehe ich, wie die Polizei hier auftritt, Menschen festgehalten werden, und dass Gegendemonstranten quasi von der Regierung selbst in Stellung gebracht werden. Seit heute weiß ich: Es ist eindeutig eine Diktatur!“

Protest verbindet und macht Völkerfeindschaften vergessen

Doch trotz dieser bedrückenden Wahrnehmungen, bergen die Gespräche für mich etwas Positives. Es mag pathetisch klingen und vielleicht romantisiere ich meine Erlebnisse an dieser Stelle etwas über die Maßen, aber an jenem Samstag in der hessischen Landeshauptstadt hatte ich das Gefühl, dass der Protest gegen die stetig totalitärere Züge tragende „Corona-Politik“ der deutschen Bundesregierung für ein paar Stunden Gräben und Konflikte zwischen Nationalitäten vergessen machte. Russen und Ukrainer, Serben und Albaner, Türken und Armenier waren in einem gemeinsamen Anliegen vereint.

Nach mehrmaligem Überschlafen und Nachdenken über das Erlebte, bleibt folgendes Fazit:

Ich bin längst kein unvoreingenommener sondern ein parteiischer Beobachter. Das gebe ich offen zu, denn ansonsten würde ich mir selbst etwas vormachen. Aber, können Journalisten und Redaktionen Unvoreingenommenheit, Neutralität und Seriosität für sich in Anspruch nehmen, wenn sie regierungskritische Demonstranten per se mit stigmatisierenden, politischen Kampfbegriffen wie „Coronaleugner“, „Aluhutträger“, „Covidioten“ oder „Schwurbler“ belegen, ihnen aufgrund von marginalen Randerscheinungen per se eine rechtsextreme Gesinnung unterstellen und ihre Berichterstattung lediglich auf Negativaspekten der Polizeiberichte aufbauen? Nein das können sie auf keinen Fall!

Ich, für meine Begriffe, habe an diesem Samstag in Wiesbaden einen offenherzigen, friedlichen und internationalen Querschnitt der Gesellschaft erlebt, der mit Fug und Recht seine kritische Haltung gegenüber einem Gesundheitsnihilismus auf die Straße trug, der zusehends zur absurden und repressiv durchgesetzten Staatsdoktrin wird.

Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe sind wichtiger als Gesundheit

„Und wenn wir Werte Gütern unterordnen, befinden wir uns bereits in einer nihilistischen Gesellschaft. Derjenige, der dir erzählt, es ginge nichts über das Geld, ist ein Finanznihilist. Derjenige, der dir erzählt, es ginge nichts über die Gesundheit, ist ein Gesundheitsnihilist!“

Obwohl Studien aus den USA und dem Vereinigten Königreich zeigen, dass bis zu 41% mehr Todesfälle durch Herzkreislauferkrankungen und bis zu 23% mehr Krebstote während Lockdowns zu beklagen sind, lassen sie es nicht bleiben.

Obwohl die höheren Todeszahlen im Zusammenhang mit Covid-19 im Lockdownstaat Kalifornien gegenüber dem freien, geöffneten Florida sie eines Besseren belehren müssten, lassen sie es nicht bleiben.

Obwohl das wiederholte Zurückgreifen auf die rückständige und totalitäre Methode „Lockdown“ den Krankheitsverlauf und die Versorgung von psychisch Erkrankten massiv verschlechtert, lassen sie es nicht bleiben.

Obwohl die Indizienlast für die Ineffektivität von Lockdowns stetig wächst und sich immer stärker herausstellt, dass diese plumpe Holzhammermethode – anders als ständig behauptet – keine Leben rettet, lassen sie es nicht bleiben.

Sie setzen weiterhin auf das hölzerne und implausible Mantra „Je repressiver und isolierter, desto gesünder“ – in Frankreich, und wenn es nach dem Kanzleramt und seinen einschlägig bekannten Souffleuren mit Doktortitel geht, auch sehr bald schon wieder in Deutschland.

Im Angesicht dieser dogmatischen Versteifung auf eine ineffektive, schädliche und repressive Vorgehensweise, meldet sich Frankreichs renommiertester Philosoph André Comte-Sponville nun verstärkt zu Wort.

Im Interview mit Sud Radio spricht er von einem vorherrschenden Panmedikalismus. Darunter versteht er eine unglaubwürdige Ideologie, die Gesundheit zum obersten gesellschaftlichen Wert stilisiert und den Gehorsam der Menschen mit dem Heilsversprechen ködert: „Je mehr wir euch einschränken, desto mehr Leben werden gerettet.“ Compte-Sponville (69) ordnet dies als eine Form von Populismus im Namen der Gesundheit ein und stellt fest, dass wir gegenwärtig die härtesten Freiheitseinschränkungen erleben, denen seine Generation jemals unterworfen wurde.

Des Weiteren führt er an, dass jene Lockdown-Politik, welche das äußere Erscheinungsbild dieser Ideologie prägt, alleine in Frankreich in den vergangenen 12 Monaten bereits eine Million „neuer Bedürftiger“ hervorbrachte und weltweit 150 Millionen Menschen unter die Armutsgrenze gezwungen hat. Zum ersten Mal seit 30 Jahren habe die Armut rund um den Globus wieder zugenommen.

Unter dem Eindruck dieser schädlichen Ausmaße des stetig weiter lockdownenden Panmedikalismus formuliert der französische Philosophieprofessor und Ethiker folgenden Appel:

„Lasst uns aufhören die Gesundheit zum obersten Wert zu machen! Sie ist wichtig, aber Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe sind höhere Werte.“

In Rahmen eines weiteren leidenschaftlichen TV-Auftritts beim Sender France Info Plus begründete Comte-Sponville diesen Appel näher. 2000 Jahre christliche und 300 Jahre republikanische Zivilisationsgeschichte haben nicht umsonst die Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und nicht „Gesundheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hervorgebracht. Der Philosoph kritisierte zudem die einseitige Expertenauswahl einer Mehrheit in den Medien, die im Stile einer „gesundheitlichen Korrektheit“ getroffen würde, und fuhr fort:

„Nein, die Gesundheit ist nicht der oberste Wert. Die Gesundheit ist überhaupt kein Wert. Gesundheit ist kein Wert sondern ein Gut. Ich unterscheide zwischen Gütern und Werten. Ein Gut ist etwas, das wünschenswert ist, eventuell auch beneidenswert. Ein Wert ist etwas, das achtbar und bewundernswert ist. Ich kann z.B. jemanden beneiden, weil er sich besserer Gesundheit erfreut als ich. Ich kann jemanden beneiden, weil er wohlhabender ist als ich. Gesundheit und Reichtum sind Güter. Aber wenn ich jemanden bewundere, weil er gesünder oder reicher ist als ich, bin ich ein Schwachkopf. Etwas anderes ist es, wenn ich jemanden dafür bewundere, dass er mutiger ist als ich, gerechter als ich, liebevoller als ich, großzügiger als ich. Denn das sind echte Werte! Und wenn wir Werte Gütern unterordnen, befinden wir uns bereits in einer nihilistischen Gesellschaft. Derjenige, der dir erzählt, es ginge nichts über das Geld, ist ein Finanznihilist. Derjenige, der dir erzählt, es ginge nichts über die Gesundheit, ist ein Gesundheitsnihilist!“

In der Tat trifft der Begriff Nihilismus voll ins Schwarze! Um es, an diese Einordnung anknüpfend, abschließend mit den Worten zu sagen, die jüngst mit Giorgio Agamben in der NZZ ein anderer großer Denker der Gegenwart wählte, um den Zustand unserer Gesellschaft zu beschreiben:

„Um ihr Leben vor einer vermeintlichen, verwirrenden Bedrohung zu retten, geben die Menschen alles auf, was es lebenswert macht.“

Politischer Islam in Deutschland ist untrennbar mit türkischem Nationalismus verbunden

Am 7. März 2021 veröffentlichte die ägyptische Zeitung Al Dostor einen Artikel über meine Einschätzung zum politischen Islam in Deutschland. Vorangegangen war ein ausführliches Interview mit der Journalistin Amina Zaky, das ich mit ihrer freundlichen Erlaubnis nun gerne in deutscher Übersetzung veröffentliche.

 

Amina ZakyWie verbreiteten sich Gruppierungen des politischen Islam in Deutschland, insbesondere die Muslimbruderschaft und die ihr nahestehenden türkischen Bewegungen?

Julian T. Baranyan: In Deutschland verbreitet sich der politische Islam vor allem über die großen Dachverbände und ist eng mit dem türkischen Nationalismus verbunden. Einige von ihnen existieren bereits seit den 1970er und 80er Jahren und sollten ursprünglich türkischen Gastarbeitern und ihren Nachkommen die verfassungsmäßig garantierte freie Religionsausübung ermöglichen. Bevor die AKP in der Türkei an die Macht kam, fanden sie in der Gesellschaft und den Medien kaum größere Beachtung. Dies hat sich vor allem in den letzten 10 bis 15 Jahren merklich geändert. Die größte dieser Organisationen ist die DITIB, die in Deutschland offiziell den Status eines eingetragenen Vereins besitzt. Tatsächlich ist sie aber eine Art Zweigstelle der türkischen Religionsbehörde Diyanet, d.h. sie ist direkt der Regierung Erdogan unterstellt. In der Türkei wird der Vorsitzende der Religionsbehörde direkt vom Präsidenten ernannt. Die Organisationsstrukturen der DITIB sind ähnlich. Die türkischen Beamten haben in allen Gremien die Mehrheit. Sie kann also nichts beschließen, was dem politischen Kurs von Herrn Erdogan zuwiderlaufen würde. Jede Moscheegemeinde unter dem Dach von DITIB ist direkt von der Türkei abhängig. Die Imame, die Auslegung der religiösen Inhalte, die Formulierungen der Freitagspredigten usw. – werden direkt aus der Türkei geschickt.

Die zweite große Organisation ist der Millî Görüş (türkisch für „Nationale Sicht“ oder „Nationale Vision“). Sie hat ihre Wurzeln ebenfalls in der Türkei, ist hierarchisch organisiert und vom Ausland abhängig. Es ist wissenswert, dass die Ideologie dieser Organisation auf ihren Gründer Necmettin Erbakan und dessen Weltanschauung zurückgeht. Er gilt als Erfinder des türkischen Islamismus und war einst Erdogans wichtigster ideologischer Mentor. Erbakans Weltanschauung und sein Bild vom Islam sind stark israel- und judenfeindlich. Im Jahr 2001 sprach Erbakan auf einem Millî Görüş-Treffen über eine muslimische Machtergreifung in Deutschland. Vor Erdogans Regierungszeit, als der türkische Staat noch eher kemalistisch und damit laizistisch ausgerichtet war, sollte das Diyanet solche islamistischen Kräfte in Schach halten. Seit die AKP in der Türkei an der Macht ist, lässt sich eine ideologische Angleichung des Diyanet und Millî Görüş beobachten. Das hat zwangsläufig auch Auswirkungen auf den politischen Islam in Deutschland.

Es gibt auch den Zentralrat der Muslime (ZDM). Unter seinem Dach sind mehrere Organisationen zusammengefasst. Einige von ihnen stehen im Verdacht, der Muslimbruderschaft nahe zu stehen. Offen zugeben tun sie das freilich nicht. Lange Zeit war die in Köln ansässige „Deutsche Muslimische Gemeinschaft“ (DMG) Mitglied im Zentralrat. Erst als der Druck des Verfassungsschutzes und der nordrhein-westfälischen Landespolitiker auf den Zentralrat wuchs, trennte er sich schließlich von der DMG und desavouierte die Ideologie der Muslimbruderschaft. Die ATIB ist die größte Gruppe innerhalb des Zentralrats der Muslime. Sie ist eine ultranationalistische türkische Organisation, deren Mitglieder oft den Gruß der Grauen Wölfe zeigen. Obwohl die Grauen Wölfe, ein Ableger der türkischen rechtsextremen Partei MHP, ursprünglich antireligiös waren, fügten sie vor einigen Jahren den Islamismus zu ihrer ultranationalistischen Agenda hinzu, um einerseits konkurrenzfähig zur AKP zu bleiben und andererseits offen für eine parlamentarische Koalition mit der AKP zu sein.

Schiitische Gruppen sind in der Öffentlichkeit kaum präsent. Im Gegensatz zu den oben genannten nehmen sie nicht an Fernsehdebatten teil und erscheinen kaum in der Presse. Allerdings sind auch ihre Gemeinden durch den iranischen Einfluss politisiert. Organisatorisch sind sie meist mit dem Islamischen Zentrum in Hamburg verbunden. Dessen Vorsitzender ist immerhin auch der Stellvertreter des Obersten Religiösen Führers des Iran.

Nur etwa 20 % der fast 5 Millionen in Deutschland lebenden Muslime bekennen sich zu den oben genannten Organisationen des politischen Islam oder folgen ihnen. Doch waren und sind diese Organisationen über Jahrzehnte hinweg meist die bevorzugten Partner der politischen Entscheidungsträger, wenn es um kulturelle Veranstaltungen, Integrationsprojekte oder die Umsetzung des islamischen Religionsunterrichts an Schulen geht. Unabhängige islamische Initiativen und Vereine, die ein unpolitisches und spirituelles Religionsverständnis vermitteln, haben es nach wie vor schwer, auf institutioneller Ebene Gehör zu finden.

Amina Zaky: Welche Risiken sind mit der Präsenz der Muslimbruderschaft in Deutschland verbunden?

Julian T. Baranyan: Nach Angaben des Verfassungsschutzes gibt es in Deutschland etwas mehr als 1.000 Personen, die sich offiziell zur Muslimbruderschaft bekennen. Auf den ersten Blick mag diese Zahl harmlos und vernachlässigbar erscheinen. Doch wer mit den Taktiken der Muslimbruderschaft und ihrer Partner näher vertraut ist, weiß, dass man genauer hinschauen muss.

Denn gemäß der Agenda von Schlüsselfiguren der Bruderschaft wie Azzam Tamimi und Jasim Sultan, bedarf es für die sogenannte „neue Generation der Muslimbrüder“ keiner formellen Mitgliedschaft in einer entsprechenden Organisation. Diejenigen, die zu dieser Generation gehören, tun dies indem sie die Ideologie der Bruderschaft teilen, und ihre Bemühungen gesellschaftlichen Einfluss zu erlangen unterstützen. Wenn sie dies tun, gehören sie zur „neuen Generation der Muslimbrüder“, und zwar selbst dann noch wenn sie ihre ideologische Sympathie und Unterstützung oberflächlich verleugnen.

Es ist auch wichtig zu wissen, dass die türkische AKP seit nunmehr weit über einem Jahrzehnt sehr enge Verbindungen zur Muslimbruderschaft unterhält. Denn der Haupteinfluss auf den politischen Islam in Deutschland wird von Ankara aus ausgeübt.

Im Jahr 2014 fand in der Türkei ein Treffen mit führenden Mitgliedern der Muslimbruderschaft und Vertretern der iranischen Machthaber statt. Es gab Gerüchte und Berichte über die persönliche Teilnahme des Tycoons Youssef Nada, Vorsitzender und Mitbegründer der in der Schweiz ansässigen Al Taqwa Bank und eine wichtige Figur der Muslimbruderschaft in Europa. Er selbst bestreitet, daran beteiligt gewesen zu sein. Dass er aber als Großbanker und Vordenker der Unterwanderungsstrategie der Bruderschaft enge Kontakte zur AKP hat, scheint außer Frage zu stehen.

Mit Blick auf Deutschland gewinnt man den Eindruck, dass die Führer der Muslimbruderschaft die Strategie vorgeben, während Ankaras Lobbyisten sie ausführen, z.B. durch Predigten in ihren Moscheen, aber auch durch den Beitritt zu politischen Parteien, Unternehmen, politischen Bewegungen und mehr.

Das Hauptrisiko ist in der Tat der anhaltende Erfolg dieser Infiltrationsstrategie und das daraus resultierende fortschreitende Wachstum einer Art von Parallelgesellschaften, in denen religiös-fundamentalistische Werte über dem Gesetz und der Verfassung des Staates stehen.

Dies kann bereits beobachtet werden. So berichten immer mehr Lehrer, die an Schulen mit einem hohen Anteil muslimischer Migranten arbeiten, dass einige Schüler mit einem streng dogmatischen Religionsverständnis ihre Mitschüler unter Druck setzen, etwa in Bezug auf die Bekleidung von Schülerinnen oder die strikte Einhaltung der Fastenregeln während des Ramadan. Im Klartext: Wir haben es hier mit der Vorstufe einer Religionspolizei zu tun, wie sie in Saudi-Arabien oder im Iran existiert. Der Ansatz „In Europa ist die Predigt effektiver als der Krieg“ zeigt seine Wirkung.

Darüber hinaus haben Funktionäre und Sympathisanten nicht-salafistischer, islamistischer Organisationen das macchiavelistische Motto verinnerlicht: „Jeder sieht, was du zu sein scheinst, wenige erfahren, was du wirklich bist.“ Entsprechend verhalten sie sich. Sie kleiden sich adrett im westlichen Stil, sind oft eloquent und charismatisch.

Nach außen hin präsentieren sie sich und ihre Organisationen als tolerant und gewaltfrei. Darüber hinaus haben sie gelernt, nicht ausschließlich, aber besonders im linken Spektrum zu punkten. Sie behaupten, für alle Muslime zu sprechen, die sie per se als Zielscheibe und Opfer eines subjektiv wahrgenommenen, allgegenwärtigen kolonial-nostalgischen Rassismus darstellen. Damit treffen sie einen Nerv, und sie wissen es. Progressive politische Bewegungen zu nützlichen Idioten zu machen, geschieht nicht zufällig. Auch hier lässt sich eine Strategie erkennen, die von Führungspersönlichkeiten wie Tamimi und Sultan für die „neue Generation der Muslimbruderschaft“ erdacht wurde.

Natürlich sind diese Selbstdarstellung und das Bündnis mit politisch linken Gruppen und Bewegungen grotesk. Eine auffällige Anzahl von Moscheegemeinden ist in den letzten Jahren immer wieder durch diskriminierende Äußerungen gegenüber Armeniern, Juden, Jesiden und Aleviten sowie durch bedingungslose und pathetische Unterstützung türkischer Kriegseinsätze in Syrien, Libyen und zuletzt Berg-Karabach aufgefallen, während sich Vertreter und Anhänger islamistischer Organisationen gegenüber der autochthonen deutschen Gesellschaft vordergründig als antirassistisch, antikolonialistisch und gewaltfrei präsentieren.

Tatsächlich aber schüren sie rassistische Ressentiments in der eigenen Community, propagieren einen neo-osmanischen Kolonialismus sowie eine Art hamidisches Verständnis von Pan-Islamismus und sympathisieren mit militärischen und paramilitärischen Organisationen, die diesen religiös verpackten neo-osmanischen Kolonialismus im Nahen Osten, Nordafrika und im Südkaukasus gewaltsam verbreiten. Wenn sie sich abfällig über nicht-muslimische Minderheiten aus dem Orient äußern, tun sie das in ihrer Landessprache, nicht auf Deutsch. Das macht es für die Öffentlichkeit und auch für viele Politiker schwierig, ihre Doppelzüngigkeit zu entlarven. Wenn solche Äußerungen öffentlich werden, werfen sie den Whistleblowern immer zuerst Übersetzungsfehler vor, auch wenn das absurd ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Taktik der Infiltration führt zur Ausbreitung von Parallelgesellschaften mit eigenen scharia-orientierten, nicht-verfassungsmäßigen Rechtsstrukturen, in denen die ideologische Symbiose zwischen einem fundamentalistischen Islamverständnis und extremen türkischen Nationalismus und Expansionismus allmählich wächst.

Amina Zaky: Was sind die wichtigsten Schritte der deutschen Regierung, um diese Gruppierungen und Extremisten im Allgemeinen abzuschrecken und zu stoppen?

Julian T. Baranyan: Seit 2016, dem Jahr des Anschlags auf den Berliner Breitscheidplatz, hat der Verfassungsschutz salafistische Vereine verstärkt im Blick. Es werden regelmäßig Razzien durchgeführt, Propagandamaterial beschlagnahmt und Vereine verboten. Auch Millî Görüş wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Er stuft die Organisation als demokratiefeindlich ein, ebenso wie die Innenministerien der Länder Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen tun. In Hessen wurde die Zusammenarbeit mit der Ditib im Rahmen des islamischen Religionsunterrichts an Schulen im Jahr 2020 beendet. Ab April 2021 sind am Islamkolleg Deutschland in Osnabrück Kurse für angehende Imame geplant, die ohne die Beteiligung der jeweiligen Dachverbände stattfinden sollen. Das Islamkolleg wird u.a. vom Bundesinnenministerium gefördert. Darüber hinaus wird die Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) ausgebaut. Dieses Zentrum an der Universität Münster ist ebenfalls unabhängig und bildet seit 2011 Lehrer für den islamischen Religionsunterricht an Schulen aus.

Amina Zaky: Wer sind die prominentesten Geldgeber extremistischer Gruppierungen in Deutschland?

Julian T. Baranyan: Die Finanziers sind deckungsgleich mit den Finanziers überall auf der Welt, wo der Aufstieg des fundamentalistischen Islam ein Thema ist. Nach außen hin bekennende Fundamentalisten und deren Aktionen (z.B. Koranverteilungen) – in Deutschland spricht man meist von der Salafistenszene – werden vor allem aus Katar, Saudi-Arabien und Kuwait finanziert. Dies ist dem Bundesnachrichtendienst seit mehreren Jahren bekannt. Verbände wie Ditib und Millî Görüş werden vor allem aus der Türkei finanziert und gesteuert.  Darüber hinaus üben die Muslimbruderschaft, und somit wiederholt Katar und Kuwait, sowie der Iran über ihre religiösen Einrichtungen und Organisationen ebenfalls Einfluss in Deutschland aus.

Ernst Hoeltzer – Ein Deutscher auf dem armenischen Friedhof einer altehrwürdigen persischen Hauptstadt

Ein Deutscher, der auf einem armenischen Friedhof im Iran begraben liegt? Das liest sich zunächst einmal wie ein Märchen aus 1001 Nacht, aber es ist Tatsache.

Um der Geschichte dahinter auf die Spuren zu kommen, muss man in die drittgrößte Stadt des Iran schauen, das geschichts- und kulturträchtige Isfahan. Die kühlen blauen Kacheln der islamischen Sakralbauten der Stadt und die majestätischen Brücken der Stadt bilden einen harten aber dennoch harmonischen Kontrast zur heißen, trockenen Landschaft des Zentraliran. Isfahan wurde lange Zeit als Nesf-e-Jahan bezeichnet, was übersetzt „die halbe Welt“ bedeutet. Die Stadt ist voller architektonischer und städtebaulicher Sehenswürdigkeiten. Prachtvolle Moscheen, Basare, Museen, persische Gärten und von Bäumen gesäumte Boulevards prägen das Bild der Metropole.

Im Frühjahr 1870 unternahm der Telegraphist und Fotograf Ernst Hoeltzer seine erste ausgedehnte Expedition in die Bergregionen Isfahans, um dort Nomadenstämme zu besuchen. Im weiteren Laufe seines Lebens häufte er eine einzigartige Fotosammlung von Denkmälern, Menschen und dem Alltag in der zentraliranischen Stadt an.

Nach dem Fall der Safawiden-Dynastie, war Irans Vorgängerstaat Persien im späten 18. Jahrhundert unter den Kadscharen wiedervereinigt worden und wieder zu einer wichtigen Macht in Westasien aufgestiegen.

Für Siemens & Halske nahm Hoeltzer zunächst an einer Reihe von Kabelverlegungsprojekten im Mittelmeerraum teil, bevor er für die „indogermanische Telegraphenabteilung“ nach Persien ging.

Aus heutiger Sicht erscheint dies als nicht wirklich besonders oder exotisch, schließlich ist Isfahan mittlerweile durch die Luft von Berlin oder Frankfurt aus mit kurzer Zwischenlandung in Istanbul oder Doha in nur neun Stunden erreichbar. Jedoch muss man sich vor Augen führen, dass unser Globus im neunzehnten Jahrhundert noch leere, also nicht kartografierte, Stellen aufwies. Dementsprechend war das Reisen mühsam und voller Abenteuer. Weitaus mehr als in der Gegenwart waren damals Reisende in fernen Ländern auf sich selbst gestellt. Es gab keine „Benutzerhandbücher“ für fremde Regionen und Kulturen, und alle Reisen wurden individuell organisiert. Diese Gegebenheiten stellten auch für die Ingenieure jener Zeit besondere Herausforderungen dar.

Im Jahr 1863 führte die schnellste Route von London nach Teheran über St. Petersburg und Moskau zur Wolga und dann über das Kaspische Meer nach Persien. Ernst Hoeltzer reiste damals in Begleitung zweier englischer Kollegen mit dem Zug nach Nischni Nowgorod. Anschließend fuhr er mit einem Dampfschiff entlang der Wolga, dem längsten Fluss Europas, zum Kaspischen Meer.

Nach Angaben des Siemens Historical Institute wurde 1863 in Teheran das persische Hauptquartier der indogermanischen Telegraphenabteilung errichtet. Hoeltzer zog für die nächsten Monate direkt neben der britischen Gesandtschaft ein und begann mit dem Aufbau der Hauswirtschaft. Der größte Teil seines sozialen Lebens fand dort statt.

Seine Hauptaufgabe war es, zukünftige persische Telegraphenbetreiber an der Dar al-Fonun, der 1851 gegründeten ersten modernen Hochschule des Landes, auszubilden.

Nachdem das Telegraphensystem er- und eingerichtet war, war die mühsame Konstruktions- und Bauarbeit erledigt. Für Hoeltzer begann ab diesem Zeitpunkt so etwas wie ein Arbeitsalltag. Zwischen der Inspektion der Sektionen, den Besuchen des Teheraner Hauptquartiers und dem Telegrafiedienst in Isfahan hatte Hoeltzer immer mehr Freizeit. U.a. nutzte er sie, um das zeitgenössische Persien in Wort und Bild zu beschreiben.

1873 begann Ernst Hoeltzer mit seiner Plattenkamera Landschaften, Gebäude und wichtige Ereignisse zu dokumentieren, darunter Reisen mit der ersten persischen Eisenbahn, die Telegraphenleitung, Alltagsszenen mit Kaufleuten, Handwerkern, Festivitäten, Handelsplätze und militärische Manöver.

Seine Fotos ergänzte er um detaillierte Beschreibungen, vor allem der Stadt Isfahan.

Z.B. schrieb er über seine Motive: „Persien und auch Isphahan steh[en] auf der Schwelle der Kulturumwandlung, und man beginnt bereits seit einigen Jahren, viel fremden, meist europäischen Stil und Luxus dort einzuführen und einzurichten. Die alten Gebäude, Sitten und Gebräuche (selbst die Kleidung) verschwinden allmählich.“

Er starb am 3. Juli 1911 in Isfahan und wurde auf dem armenischen Friedhof in Neu-Dschulfa beigesetzt. Dieses armenische Viertel Isfahans ist nach der Stadt Dschulfa benannt, welche sich in der heutigen aserbaidschanischen Enklave Nachitschewan befindet, wo sich 2005, von der Welt ignoriert, eine der verheerendsten Kulturzerstörungen des 21. Jahrhunderts abspielte. Das Viertel wurde 1606 per Edikt von Schah Abbas I gegründet. Einst lebten dort mehr 150.000 Armenier. Heute sind es noch rund 10.000.

Die armenischen Gemeinde Isfahans hält noch immer die Erinnerung an Ernst Hoeltzer hoch. Vor einigen Jahren wurden umfangreiche Restaurierungsarbeiten an seinem Haus im Stadtteil Neu-Dschulfa in Isfahan durchgeführt, um so viel wie möglich von seinem Lebenswerks für die nachfolgenden Generationen von Iranern zu bewahren.

Der armenische Friedhof des Stadtteils Neu-Dschulfa in Isfahan; Bild: Behnam Minaei,
URL: https://fa.wikipedia.org/wiki/%DA%AF%D9%88%D8%B1%D8%B3%D8%AA%D8%A7%D9%86_%D8%A7%D8%B1%D8%A7%D9%85%D9%86%D9%87_%D8%A7%D8%B5%D9%81%D9%87%D8%A7%D9%86#/media/%D9%BE%D8%B1%D9%88%D9%86%D8%AF%D9%87:Gorestan_Aramane-Esfahan_(4).jpg
Ernst Hoeltzers Haus in Isfahan zu seinen Lebzeiten; URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a6/Hoeltzer21.jpg/227px-Hoeltzer21.jpg

Zum besseren Verständnis und Weiterlesen:

  1. Tehran Times: Ernst Hoeltzer and his shots of 19th-century Isfahan
  2. Siemens: Ernst Hoeltzer, 3. Band der Schriftenreihe Lebenswege
  3. Amos Chapple: When The World Looked Away: The Destruction Of Julfa Cemetery, Radio Free Europe / Radio Liberty

Denn sie wissen nicht, was sie wählen…

Vergangenen Sonntag fanden in Rheinland-Pfalz sowie Baden-Württemberg Landtagswahlen und in Hessen Kommunalwahlen statt. Die Grünen konnten große Erfolge feiern.

Doch wissen deren Wähler eigentlich, wo und warum sie ihr Kreuz machen? Dazu möchte ich keine Analyse schreiben. Was ich jedoch tun möchte, ist über ein Gespräch mit einem Grünenwähler zu berichten, der eigentlich keiner mehr sein dürfte. Dabei ging es, wie sollte es dieser Tage anders sein, um das leider, leider, leider immer noch alles übertünchende Thema Corona.

Wiederholt schrieb ich in jüngster Vergangenheit in den sozialen Medien in Kommentaren und Posts über einen sehr erhellenden Gedankenaustausch mit einem befreundeten Intensivmediziner in den Mitfünfzigern. Mit ihm und der Leitung eines Pflegeheims, das damals ein lokaler „Corona-Hotspot“ in unserer Heimatregion war, hatte ich im Januar gesprochen, um meine Anti-Lockdown-Haltung herauszufordern. In Folge dieser Zusammenkunft aber war ich in meiner Haltung nicht nur bestärkt, sondern die Reflexion darüber hat mich in meiner Ansicht noch viel entschiedener werden lassen. Böse Zungen würden vielleicht eher sagen, ich habe mich regelrecht radikalisiert.

Wie dem auch sei, die prägnantesten Stellen unserer Unterhaltung von damals, möchte ich im Folgenden gerne aus dem, durch ein erst kurz zurückliegendes Telefonat, aufgefrischten Gedächtnis wiedergeben.

  • Ich: „Wer sind, Deinen Eindrücken nach, die sogenannten „Coronatoten“?“
  • Befreundeter Intensivmediziner: „Weißt du, die Menschen die hier im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion schwere Verläufe erleiden oder gar sterben, sind mehrheitlich multimorbide Hochbetagte, von denen sich der Großteil bereits vor der Infektion wegen schwerer Vorerkrankungen  in palliativmedizinischer Behandlung befand. Ganz ehrlich, ihnen hätten viele andere Erreger auch den Rest gegeben. Für einen Außenstehenden mag das hart klingen, aber jemand dessen Alltag durch die Konfrontation mit der Endlichkeit unseres Lebens bestimmt wird, darf und muss das so nüchtern feststellen. Ausnahmen gibt es natürlich immer, aber hier wären die meisten Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 nicht vermeidbar gewesen.“
  • Pflegeheimleitung hakt ein: „…und oft äußern die palliativmedizinisch betreuten Patienten über Wochen und Monate, dass sie nicht mehr wollen …“
  • Ich: „Wie schätzt Du die Meldungen über Gefahren von Long-Covid bei jungen Menschen ein?“
  • Befreundeter Intensivmediziner: „Die Langzeitfolgen von Covid-19, Neusprech: „Long-Covid“, betreffen, anders als in den Medien dargestellt, ebenfalls  überwiegend multimorbide alte Menschen, die die Infektion überleben. Ob das Virus selbst, die Vorerkrankungen oder die Strapazen der Behandlung die vorgeschwächten Körper längerfristig schädigen, kann nicht sicher gesagt werden. Wenn jüngere Menschen mehrere Monate an den Folgen einer Infektion leiden, ist das tragisch aber 1.) sehr selten und 2.) kein Alleinstellungsmerkmal von Covid-19. Du bist doch Sportler?! Stell Dir vor, Du verschleppst eine Grippe, fängst also zu schnell wieder an zu trainieren. Selbst wenn Du es langsam aber zu zeitnah angehst, kann das fatale Folgen haben. Wenn Du Pech hast, kannst Du Dir so auch in Folge einer Influenza – übrigens auch eine ernste Sache wenn es eine richtige Influenza ist – eine Myokarditis, also Herzmuskelentzündung, einfangen, deren Folgen sich über Jahre ziehen können, oder die im schlimmsten Fall tödlich endet. So etwas kommt leider ab und zu vor. Sicher hat Covid-19 seine Tücken und Besonderheiten, aber aus meiner persönlichen, praktischen Erfahrung sehe ich sie bei Weitem nicht so gravierend und dramatisch, wie es einige Politiker, Nachrichtensprecher und Laborforscher über den Fernseher rüber bringen. Generell habe ich den Eindruck, dass Sachverhalte, Symptomenkomplexe und Krankheitsbilder, die in der medizinischen Fachwelt seit Jahren und teilweise Jahrzehnten bekannt sind, durch Politiker und Medien reißerisch zu neuartigen, vorher  nie dagewesenen Besonderheiten von Covid-19 aufgeblasen und entsprechend ausgeschlachtet werden. Das ist verantwortungslos! Ein ähnliches Bild kann man dem Laien in Bezug auf zig andere beliebige Krankheiten auch vermitteln. Diese Lust am Zeichnen des Bildes einer Killerseuche, mit der wir es definitiv nicht zu tun haben, stimmt mich gelinde gesagt sehr nachdenklich. Hier werden Tür und Tor für endlose staatliche Eingriffe geöffnet, die ich in meinem Leben nicht haben möchte, und die mich auch aus medizinischer Sicht besorgt stimmen, denn ihre Folgen machen uns in mehrerlei Hinsicht krank. Und den Gesundheitsbegriff zu reduzieren auf die Vermeidung einer Infektion mit SARS-CoV-2 um jeden Preis, finde ich geradezu obszön.“
  • Ich: „In so manchem Polit-Talk würde man Dich jetzt wahrscheinlich fragen: Haben Sie nicht die Bilder aus Bergamo gesehen?“
  • Befreundeter Intensivmediziner: „Dieses neuartige Coronavirus wäre uns ohne extreme Aufmerksamkeit der Medien nicht aufgefallen. Im Großen und Ganzen waren und sind die Sterbe- und Belegungsraten hier unauffällig. Die Todesfälle wären als Folgen einer Grippewelle oder „iatrogen“, also bedingt durch Behandlungsfehler, in Statistiken eingegangen, die außerhalb medizinischer Fachkreise normalerweise niemanden interessieren. Mit dem Stichwort „iatrogen“ sollte man sich übrigens in Bezug auf die Bilder aus Bergamo genauer beschäftigen. Wer das nüchtern feststellt, verharmlost das Virus nicht und schon gar nicht leugnet man es. Eine solche Einschätzung beruht schlichtweg auf jahrzehntelanger, praktischer und leidenschaftlicher Erfahrung als Offizier im Gesundheitswesen, wie ich uns Intensivmediziner gerne bezeichne. Dass die Politik das nicht hören will, ist mir natürlich klar.“
  • Ich: „In meinem jüngst veröffentlichten Text habe ich die Methode Lockdown scharf angegriffen. Was denkst Du darüber?“
  • Befreundeter Intensivmediziner: „Jetzt muss ich mal richtig Klartext reden! Lockdown wegen diesem Virus? Eine riesige Sauerei seitens der Politik! Ich möchte mir nicht ausmalen, wie viel Leid und Tod allein die ausgefallenen oder verschobenen Chemos verursacht haben. Es macht mich rasend! Stell Dir diesen Irrsinn nur mal vor: Da werden Onkologen auf Druck von Politikern, Parteisoldaten die sich durchs Ja-Sagen in ihrer Partei hochgedient haben, uns jahrelang kaputt gespart und rationalisiert haben und jetzt mal auf unser aller Rücken Zampano spielen dürfen, auf Intensivstationen beordert und dürfen ihre eigentliche Arbeit nicht mehr machen, weil man sie zur „Corona-Bereitschaft“ verdonnert. Onkologen auf Intensiv! Das ist so, als würde man die Fußballnationalmannschaft durch Bobfahrer auffüllen, weil im Winter gespielt werden soll und die Rasenheizung im Stadion kaputt ist. Vollkommen irre! Von den irreparablen Schäden für Gesellschaft, Kultur und Demokratie mal ganz abgesehen, aber damit kennst Du Dich besser aus.“
  • Pflegeheimleitung hakt ein: „Wissen Sie unsere Bewohner wollen ihren letzten Weg mit Würde gehen und dabei von ihren Lieben begleitet werden. Die staatlichen Regulierungen nehmen ihnen diese Möglichkeit und damit auch ihre Würde. Sie gehen hier regelrecht ein!“

Wer nun denkt, mein Freund hätte diese Ansichten am Sonntag  zur Wahlurne getragen, der irrt. Aus einer Zuneigung zu Tier- und Umweltschutz, die ich durchaus teile, hat er am Sonntag bei der hessischen Kommunalwahl sein Kreuz bei den Grünen gemacht. An diesem Ritual hält er seit 30 Jahren fest. Vollkommen konträr zu seinen Ansichten bezüglich des zur Zeit wohl mit Abstand wichtigsten Themas unserer Tage hat er eine Partei gewählt, die streng dogmatisch für harte, rückständige, totalitäre und schädliche Lockdowns nach dem Vorbild des chinesischen Regimes eintritt. Denn sie wissen nicht, was sie wählen…

Sündenfall Lockdown: rückständig, autoritär und verheerend schädlich!

Seit dem Herbst sticht das Damoklesschwert „Lockdown“ in beinahe ganz West- und Mitteleuropa wieder zu.

Die hiesigen Regierungen scheinen sich unwiderruflich auf dieses Modell der Pandemiebekämpfung versteift zu haben und kommunizieren es als alternativlos. Bedenklich kritiklose Unterstützung erfahren sie dabei von einer Mehrheit der Medien. Dabei verdichten sich stetig die Indizien, dass ein Lockdown für demokratische Gesellschaften einen rückständigen, autoritären, verheerend schädlichen, sechsfachen Sündenfall darstellt.

Autoritär, auf Repression und Stigmatisierung basierend

Um dies zu verstehen muss man das Prinzip Lockdown zunächst gesellschaftspolitisch und historisch einordnen. Dr. Jocelyn Raude, Experte für Gesundheitspsychologie und Infektionskrankheiten an der Hochschule für öffentliche Gesundheit in Rennes, tut dies wie folgt:

„In Frankreich und in anderen europäischen Ländern sind wir in gewisser Weise dem autoritären, chinesischen Modell gefolgt, das auf Repression, Stigmatisierung von schlechten Bürgern und Angst vor der Polizei basiert. Wir haben die Relevanz dieses Modells, das im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert stammt, nicht in Frage gestellt. Es ist ein Modell der Massenquarantäne, das zur Regulierung der großen Cholera-Epidemien im 19. Jahrhundert eingesetzt wurde.“

Nachdem im Frühling und Sommer ein schrittweises Abrücken von diesem Modell stattfand, erleben wir seit Beginn der Grippesaison einen Rückfall in autoritäre Maßnahmen.

Viele west- und mitteleuropäische Regierungen haben sich unnachgiebig auf die wiederholte Nachahmung des chinesischen Modells versteift, und lassen sich partout nicht davon abbringen weiter mit dem Vorschlaghammer zu arbeiten, wo eigentlich filigranere Werkzeuge nötig wären.

Als würde man sein Haus niederbrennen, um ein Wespennest zu beseitigen

Der britische Journalist Peter Hitchens vergleicht die wiederholte Lockdown-Politik seiner Regierung mit jemandem, der sein Haus zwei Mal niederbrennt, um ein Wespennest zu beseitigen, dann in den Trümmern steht und allen außer sich selbst die Schuld für diese sinnlose Katastrophe gibt.

Was sich zunächst wie eine bloße Provokation durch einen reißerischen Vergleich liest, enthält bei genauerem Hinsehen viele fatale Wahrheiten.

Im deutschsprachigen Raum wird viel über eine Radikalisierung der Kritiker der Regierungspolitik berichtet. In Bezug auf einige kursierende Theorien zu Maskenpflicht und Impfung mag das berechtigt sein, obschon die Repräsentativität der Verfechter solcher Theorien für das Gros der Lockdown-Kritiker nicht nur in Zweifel gezogen werden muss, sondern wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise gegeben ist. Der Radikalisierung der Gegenseite wiederum steht eine Mehrheit in Politik und Medien nicht nur weitgehend kritiklos sondern offensichtlich sogar mit stillschweigendem Wohlwollen gegenüber. Viele Lockdown-Befürworter werfen in den sozialen Netzwerken seit Monaten mit, oft absurden, parolenhaften und, nicht näher begründbaren, weil ausschließlich politisch motivierten Schuldzuweisungen und Beleidigungen um sich. Prominentestes Beispiel dieser Tiefschlageskapaden war wohl der Twitter-Hashtagtrend „#sterbenmitstreeck“. Ebenso wie der Virologie-Professor von der Uni Bonn treffen solche Hasstiraden regelmäßig Familienausflügler, Reisende, Einkaufsbummler, Anti-Lockdown-Demonstranten, Kirchgänger und so ziemlich jeden, der es wagt seine Sorge und sein Missfallen gegenüber dem um sich greifenden Radikalkonformismus und Kollektivismus öffentlich zu äußern. Schaut man sich die Wortwahl einiger Politiker und ihrer Haus- und Hofexperten an, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich leider mittlerweile eher wie polemisch moralisierende, teils aggressive Internetaktivisten verhalten als wie besonnen abwägende Staatsmänner und seriöse, ergebnisorientiert forschende Wissenschaftler. Da die Gralshüter des Lockdown-Dogmatismus allgemein bekannt sind, wird auf die Nennung von Namen verzichtet. In ihrer Welt jedenfalls sind alle an der derzeitigen Politik schuld, außer die politischen Entscheidungsträger und deren Berater selbst.

Darüber hinaus scheinen Lockdowns sich offenbar als ungeeignet zu erweisen, wenn es um die effektive Kontrolle von Infektionsgeschehen und Verhinderung von Todesfällen geht. Die Beweislast, die die Wirkungslosigkeit des autoritären Modells aus dem 19. Jahrhundert entlarvt, wird immer erdrückender. Das „American Institute for Economic Research“ veröffentlichte dazu am 19. Dezember 2020 eine Zusammenstellung von 24 internationalen Studien, die unter Mitwirkung hochkarätiger Wissenschaftler aus den relevanten Disziplinen durchgeführt wurden und der Methode Lockdown ein mangelhaft bis ungenügendes Zeugnis ausstellen.

Hitchens Vergleich erweist sich also in mehrfacher Hinsicht als treffend.

Sechs tödliche Lockdown-Sünden

Doch Lockdowns scheinen nicht nur sinnlos. Sie lösen regelrechte Katastrophen aus, deren Ausmaß weitaus verheerender ist als der Schaden durch die derzeitige Pandemie. Diese Ansicht vertritt u.a. der ehemalige stellvertretende UN-Generalsekretär Professor Ramesh Thakur.

Im Mai schrieb er:

„Die Debatte über Strenge und Ausstiegstrategie aus den Lockdown-Maßnahmen wird üblicherweise als eine Wahl zwischen den Auswirkungen für die öffentliche Gesundheit und der Wirtschaft dargestellt. Die Aushöhlung der freiheitlich-demokratischen Freiheiten ist eine weitere Komponente der Abwägungsgleichung. Dennoch ist es möglich, dass sich die Wirtschaft im Laufe der Zeit wieder erholt, aber es wird sich zeigen, dass der Dominoeffekt von Lockdowns auf der ganzen Welt mehr Menschen getötet als gerettet hat, und auch mehr Menschen, als an COVID-19 selbst gestorben sind.“

Um seine These zu untermauern, benennt er „sechs tödliche Lockdown-Sünden“.

Als erste tödliche Lockdown-Sünde benennt Prof. Thakur einen explosionsartigen Anstieg von psychischen Erkrankungen und Selbstmordversuchen um bis zu 600%, der „bis zu 10-mal so viele Menschen töten könnte wie das Virus“. Er beruft sich dabei auf Daten und Aussagen von Dr. Mike de Boisblanc vom John Muir Medical Center in Walnut Creek, Kalifornien, USA, dem britischen Royal College of Psychiatrists und australischen Experten. Aus Berlin meldeten die Rettungsdienste bis Anfang November 98 Mal mehr Einsätze unter dem Stichwort „Beinahe Strangulierung/ Erhängen“ als im Vorjahr. Währenddessen spricht der Weiße Ring von deutlich mehr häuslicher Gewalt und rechnet mit dem Schlimmsten.

Die zweite tödliche Lockdown-Sünde besteht in massenweise abgesagten Vorsorge- und Routineuntersuchungen, durch die Millionen von Krebserkrankungen sowie Herz-, Nieren-, Leber- und Lungenkrankheiten unerkannt und unbehandelt bleiben. Infolgedessen ist, je nach Dauer des Lockdowns, von ca. 750.000 zusätzlichen Toten in den USA, 150.000 im Vereinigten Königreich und bis zu 50.000 vermeidbaren Krebstoten in Deutschland auszugehen. Besonders brisant dabei ist, dass Prof. Thakur schreibt, dass dem britischen Kabinett diese Zahlen aus einem internen Memo bekannt seien!

Drittens wurden laut dem ehemaligen Vizerektor der Universität der Vereinten Nationen Menschen durch PR-Kampagnen derart erfolgreich vor Ansteckungen in Krankenhäusern verängstigt, dass sie sich dort per se nicht mehr hineintrauen, selbst in Situationen in denen es ihr Leben retten würde. In Bezug auf das Vereinigte Königreich spricht Prof. Thakur von einem starken Anstieg von Menschen, die z.B. durch Herzstillstand zu Hause sterben.

Die vierte Lockdown-Sünde betrifft Menschen in dicht besiedelten Ballungsgebieten, denen trotz eines verschwindend geringen Infektionsrisikos die Möglichkeit genommen wurde, gesunde Umgebungen wie Parks, botanische Gärten oder Strände aufzusuchen. Stattdessen zwingt die Lockdown-Politik sie zum Daueraufenthalt in überfüllten Wohnkomplexen, wo das allgemeine Infektionsrisiko deutlich höher ist. Bis Anfang Mai überstieg die Zahl der Nicht-Covid-Todesfälle in Großbritannien den Fünf-Jahres-Durchschnitt dieser Jahreszeit um mehr als 6.500.

Die fünfte Lockdown-Sünde hat es auch insofern in sich, als dass die politische Abwehrhaltung gegenüber Alternativen zum Lockdown als fatal falsch entlarvt. Denn schon im Mai diesen Jahres war bekannt, dass 50% bis 66% der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid Menschen in Alten- und Pflegeheimen betreffen, deren strukturelle und personelle Ausstattung den Umgang mit infizierten Bewohnern nicht leisten konnte und kann. Prof. Thakur hat dazu Daten aus den USA und des EU Center for Disease Prevention and Control zu Frankreich, Schweden, Belgien, Norwegen sowie Spanien ausgewertet. Dass hier bis heute keine Kurskorrektur im Sinne einer, auf die Einrichtungen fokussierten, Intervention stattgefunden hat, ist skandalös!

Zu schlechter Letzt verweist der Politikwissenschaftler und Friedensforscher auf die katastrophal tödlichen Langzeitfolgen für die „ärmste Milliarde Menschen auf der Welt im nächsten Jahrzehnt“. Unter Verweis auf Prognosen der UN, der Weltbank, Oxfam sowie Studien aus Südafrika und von der Johns Hopkins School of Public Health warnt Prof. Thakur vor einer dramatisch steigenden Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit sowie Hungersnöten in der sog. Dritten Welt, die durch Lockdown-bedingte Unterbrechungen der Ernteproduktion und der globalen Lebensmittelverteilungsketten verursacht werden. Die Todesopfer werden auf mehr als 1,2 Millionen, der Anstieg der an akutem Hunger Leidenden auf 125 Millionen beziffert! Die angesprochene Studie aus Südafrika legt nahe, dass ein Lockdown 29 Mal mehr Menschen töten könnte, als er rettet.

Vor dem Hintergrund der Ausführungen des ehemaligen stellvertretenden UN-Generalsekretärs erscheint es mindestens fragwürdig, dass zur juristischen Begründung der Lockdown-Politik der deutschen Bundesregierung immer wieder das Recht auf Leben bemüht wird.

Die Angst ist tödlicher als das Virus

Wem Prof. Thakurs Erkenntnisse zu abstrakt erscheinen, dem sei an dieser Stelle die sehr lesenswerte, wenngleich unfassbar bedrückende Artikelserie von Johanna Wahlig (Politologin, Journalistin, Unternehmerin) und Frank Wahlig (Historiker und 30 Jahre ARD-Hauptstadtkorrespondent) empfohlen. Sie beschäftigt sich mit den Schicksalen jener Menschen, die zu Kollateralschäden der Lockdown-Politik bzw. Opfern der Lockdown-Sünden werden.

Dass diese verheerenden Auswirkungen von Lockdowns überhaupt nur als Kollateralschäden abgetan und in der breiten Medienlandschaft, verglichen mit streitbar definierten „Neuinfektionen“ und 7-Tages-Inzidenzen, kaum thematisiert werden, ist ein weiterer Skandal, für den der französische Journalist Ivan Rioufol im Le Figaro unter der Überschrift „L’obsession sanitaire devient pire que le mal“ (dt.: „Die Gesundheitsbesessenheit wird schlimmer als die Krankheit“ deutliche Worte findet:

„Die Unterwerfung der Medien unter den herrschenden Diskurs hat eine fragwürdige, Angst schürende Strategie gefördert, die die Menschen verkindlicht […] Es zeichnet sich ab, dass die durch panikartige Propaganda geschürte Angst tödlicher ist als Covid. Die Exekutive scheint diesen Sachverhalt zuzugeben, ohne jedoch vom rückständigen Lockdown abzulassen.“

Ein kultur- und gemeinschaftsfeindliches Menschenbild

Bereits einen Tag vor Ivan Rioufol fragte der Filmemacher Nicolas Bedos ebenfalls im Le Figaro:

„Wer kann leugnen, dass der aktuelle psychologische und wirtschaftliche Pessismus grundlegend wichtige philosophische Fragen aufwirft?“

Während diese Fragen in der öffentlichen Debatte konstant klein gehalten werden, entspricht der derzeitige Status Quo unserer Gesellschaften jener finsteren Realität, die Schriftsteller dystopischer Literatur wie George Orwell in ihren Werken beschrieben haben.

Dem kritisch hinterfragenden Beobachter ist es beinahe unmöglich sich dem Eindruck zu erwehren, dass eine erdrückende Mehrheit in Politik und Medien über die Angst, vor der Ivan Rioufol warnt, ein kultur- und gemeinschaftsfeindliches Menschenbild transportiert, mit dem es unsere Gattung nicht einmal bis zur neolithischen Revolution geschafft hätte. Akzeptanz für die Durchsetzung von harten Lockdowns zu erzeugen ist nämlich zwangsläufig mit der Vermittlung eines Menschenbilds verflochten, das einerseits der Isolation huldigt und andererseits Kultur und zwischenmenschliche Nähe als negativ und todbringend verurteilt.

Bildlich gesprochen zertrampelt es essenzielle Merkmale dessen, was den Menschen als soziales, vernunftbegabtes Körper- und Geistwesen ausmacht. Es handelt sich um ein regelrecht entmenschlichendes Menschenbild.

In seinem Roman 1984 vergleicht George Orwell die Zukunft, in der ein solches Menschbild vorherrscht mit einem Stiefel, der unentwegt auf ein menschliches Antlitz eintritt.

Genau dieser Stiefel wurde durch den Lockdown-Dogmatismus entfesselt.

Gezielter Schutz statt triste Lockdown-Dystopie

Damit die dramatischen Kollateralschäden der Lockdown-Sünden nicht noch dramatischer werden, muss dringend ein Umdenken stattfinden, wie es u.a. eine Autorengruppe um den Kölner Professor für Infektiologie Matthias Schrappe bereits seit Monaten fordert.

Die, von Lockdown-Befürwortern einigermaßen schablonenhaft bis teilweise polemisch, als unwissenschaftlich und unethisch gescholtene Great-Barrington-Erklärung in etwa gilt als Gegenentwurf zum Cholera-Bekämpfungs-Modell aus dem 19. Jahrhundert.

Im Gegensatz zum Lockdown orientiert sie sich spezifisch an Covid und keiner anderen Infektionskrankheit. Darüber hinaus verfolgt sie kein autoritäres Modell aus einer lange vergangenen Zeit, sondern stellt einen zeitgenössischen Ansatz dar. Unter dem Label „Focused Protection“ sieht sie den gezielten Schutz von Risikogruppen vor.

Bedenkt man die fünfte Lockdown-Sünde nach Professor Ramesh Thakur und führt sich gleichzeitig vor Augen, dass derzeit, je nach Region, in Deutschland bis zu 90% der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid in Alten- und Pflegeheimen stattfinden und die Verstorbenen im Durchschnitt 82 Jahre alt sind, ist Focused Protection der bessere, vernünftigere und vor allem zielgerichtetere Ansatz.

Im krassen Gegensatz zum, längst stur und rechthaberisch anmutenden, Tunnelblick der Pro-Lockdown-Fraktion, der alle Gesellschafts- und Lebensbereiche jenseits des neuartigen Coronavirus vollkommen auszublenden scheint, lässt die Great-Barrington-Erklärung einen umfassenden gesundheits- wie auch auch soziopolitischen Weitblick erkennen. Die 44 unterzeichnenden international renommierten Epidemiologen und Wissenschaftler des öffentlichen Gesundheitswesens drücken nämlich ihre Sorge „über die schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden COVID-19-Politik auf die körperliche und geistige Gesundheit“ aus, deren fatales Ausmaß von Prof. Thakur dezidiert und stichhaltig begründet beschrieben wurde. Die Handlungsempfehlungen der Erklärung spiegeln diesen Weitblick wider.

Die triste Dystopie, in die autoritäre und rückständige Lockdowns unsere Gesellschaften stürzen, mag wissenschaftlich begründbar sein. Die Begründungen sind jedoch nicht nur anfechtbar sondern sogar widerlegbar. Ethisch jedenfalls sind Lockdowns keinesfalls vertretbarer als Focused Protection. Im Gegenteil!

Die Armenier von Bergkarabach kämpfen um ihr Überleben

40 französischsprachigen Intellektuellen haben einen offenen Brief an den französischen Präsidenten verfasst, in dem sie ihn um Hilfe für die Bevölkerung Bergkarabachs bitten. Dabei deuten sie mehrfach an, dass sie Parallelen zwischen der, türkisch unterstützten, Militäroffensive Aserbaidschans und den jüngsten Anschlägen auf den Lehrer Samuel Paty und in der Kathedrale Notre-Dame von Nizza sehen.

Beinahe vier Monate dauern die Angriffe Bakus auf die armenische Enklave Bergkarabach nunmehr an.  Der Krieg scheint den zu erwartenden Verlauf zu nehmen. Die Armenier der Region werden zusehends in die Defensive gedrängt und haben der hochmodernen Drohnentechnologie des ölreichen Aserbaidschan (mehr als drei Mal so viele Einwohner wie Armenien und ein Militäretat, der in etwa dem kompletten armenischen Staatshaushalt entspricht) wenig entgegenzusetzen. Noch dazu bekommt das Aliyew-Regime bei seinem Feldzug entschiedene Unterstützung von der Türkei, die nicht nur die zweitgrößte Armee der NATO unterhält sondern auch inoffiziell diverse dschihadistischer Brigarden in Syrien befehligt. Angesichts dieser Übermacht sind bereits mehr als 2/3 der Zivilbevölkerung Bergkarabachs geflohen. Für die Zurückgebliebenen, meist weit im letzten Lebensdrittel angekommenen Bewohner, sind angesichts fortwährender Angriffe die Bunker zu tristen Lebensmittelpunkten geworden.

Im Bewusstsein darüber und unter dem Eindruck der jüngsten islamistischen Terrorakte gegen den Lehrer Samuel Paty und in der Kathedrale Notre-Dame von Nizza, haben sich nun mehr als 40 französischsprachige Intellektuelle, darunter prominente Schriftsteller, Wissenschaftler und ehemalige Politiker an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron gewendet. In einem offenen Brief (nachstehend in deutscher Übersetzung veröffentlicht) flehen sie ihn an den Armeniern Bergkarabachs zu helfen, deren nacktes Überleben in diesem Moment akut durch die türkisch unterstützte Militäroffensive Bakus bedroht ist.

Angesichts der entsetzlichen Ermordung eines Lehrers und des kurz darauf folgenden Attentats in dieser Kirche in Nizza, zeigen sich die Französinnen und Franzosen verblüfft, empört und erschüttert. Sie fragen sich, was die Quellen dieser Barbarei sind und wie man ihr ein Ende setzen kann. Währenddessen spielt sich zeitgleich, 3500 Kilometer von zu Hause entfernt, ein weiteres Drama ab. Dort ist dieselbe Barbarei im Gange.

In Bergkarabach bzw. Arzach, so der armenische Name, werden ebenfalls Enthauptungen durchgeführt. Seit einem Monat führen die Armenier dort einen dramatisch ungleichen und verzweifelten Kampf gegen eine türkisch-aserbaidschanische Koalition, die von Hunderten von dschihadistischen Söldnern unterstützt wird. Diese Angelegenheit ist nicht nur ein entfernter Territorialkonflikt um ein paar Hektar Kieselsteine, die mitten im Kaukasus verloren gegangen sind. Es betrifft uns alle. Die Armenier kämpfen gegen den gleichen Feind.

Wie auch der Angriff auf einen Lehrer oder eine Kirche hat die von Aserbaidschan auf Initiative der Türkei gegen die Armenier gestartete Offensive dieselbe symbolische Dimension, die über den sichtbaren Gräuel der Verbrechen hinausgeht. Seit Jahrhunderten, vielleicht seit dem Regenbogen über dem Berg Ararat, der das Ende der Sintflut ankündigte, stellen die Armenier eine Brücke zwischen den Zivilisationen dar, die über zeitliche Epochen und Grenzziehungen hinüber führt.

Im 5. Jahrhundert erhielten die Armenier für ihre Zugehörigkeit zur ersten christlichen Nation der Welt und als Hüter des Grabes Christi ein eigenes Viertel in Jerusalem

Man sagt, dass ihre Sprache alle bekannten Phoneme umfasst, weshalb die Armenier musikbegabt und oft mehrsprachig sind. Ist es ihre Vorbestimmung oder ist es ihre Geschichte, die diese Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen Völkern geprägt hat? Im 5. Jahrhundert erhielten die Armenier für ihre Zugehörigkeit zur ersten christlichen Nation der Welt und als Hüter des Grabes Christi neben Juden, Muslimen und anderen Christen ein eigenes Viertel in Jerusalem. Diese Nachbarschaft besteht noch heute.

Die geographische Lage Armeniens bewirkte, dass es aufeinanderfolgenden Herrschaften und Einflüssen unterworfen war – Griechen, Römer, Parther, Perser, Mongolen…

Im 11. Jahrhundert zwang seine fortschreitende Annexion zunächst durch die Byzantiner, dann seine Eroberung durch die Türken einen Teil der Bevölkerung ins Exil. Wo auch immer sie sind, Generation um Generation haben sich die Armenier in verschiedene Nationen integriert, ohne ihre Wurzeln zu vergessen, ohne ihr Land zu vergessen, das nach und nach immer weiter verstümmelt wurde. Armenier waren Kaiser von Byzanz, Wesire der Kalifen Ägyptens, Minister des persischen Königreichs, Militärführer der indischen Radschahs, Diplomaten der Osmanen und ruhmreiche Generäle des russischen Zarenreichs.

Obwohl sie seit dem vierzehnten Jahrhundert eines Nationalstaates beraubt waren, haben sich die Armenier, deren Gebiet sich seit jeher an der Kreuzung zwischen Europa und Asien befand, in der Geschichte immer als Vermittler zwischen Ost und West hervorgetan, zwischen Völkern verschiedener Sprachen, Kulturen und Religionen, auf den Seiden- und Gewürzrouten, im Nahen Osten und im Indien des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts.

Sie wussten, wie man in Frieden mit katholischen und orthodoxen Christen, schiitischen und sunnitischen Muslimen, Juden, Hindus und Zoroastrern leben konnte. Ihre große Diaspora lebt in Moskau wie auch in Los Angeles, in Teheran, Marseille und Paris, in Beirut und Buenos Aires, in Warschau und Montreal. Sie bildet ein interkontinentales Netzwerk, das durch unzertrennbare Bande zwischen Länder knüpft und jenseits von Konflikten oder politischen Regimen Bestand hat.

Unter all diesen Verbindungen gibt es gibt es eine besonders privilegierte mit Frankreich, die bereits seit dem 6. Jahrhundert belegt ist. Das ist nie bestritten worden. Unumstritten in unserer Geschichte sind die armenischen Botschafter innerhalb der vom Kalifen Haroun-al-Rachid zu Karl dem Großen entsandten Delegation, die zur Wiederbelebung des Handels mit dem Osten von Colbert nach Marseille eingeladenen Kaufleute, Roustam Raza der armenische Mameluke und Leibwächter Napoleons I., die armenische Legion die zwischen 1916 und 1920 unter französischer Flagge tapfer im Nahen Osten kämpfte, und die Zehntausenden von Flüchtlingen, die nach der Tragödie von 1915 Frankreich zur neuen Heimat ihres Herzens erkoren.

1915: Eineinhalb Millionen Armenier kommen um. Sie fallen einer Türkei zum Opfer, die sich ultranationalistischer Hysterie hingegeben hat.

Seit fast zweitausend Jahren sind die Armenier Beschützer und Wächter. Wenn also ein solches Brückenvolk bedroht ist, versiegt der Dialog zwischen allen Völkern, entsteht ein sich ausdehnender Bruch in der Weltgeschichte.

1915: Trotz der Entrüstung in weiten Teilen Europas und der Vereinigten Staaten kommen eineinhalb Millionen Armenier um. Sie fallen einer Türkei zum Opfer, die sich ultranationalistischer Hysterie hingegeben hat. Was folgte war Gleichgültigkeit aufgrund der damaligen geopolitischen Umwälzungen. Diese Gleichgültigkeit ermutigte Hitler kurz vor Beginn des Holocaust bei der Ausarbeitung seines schrecklichen Arisierungsplans zur Aussage: « Wer erinnert sich an die Massaker an den Armeniern? » Die Armenier sind ein Brückenvolk zwischen den Völkern, an dem ein unbeschreibliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurde, das zur Schaffung des juristischen Begriffs Völkermord führen sollte.

Kann man einen Diktator ankündigen lassen, dass er den „Resten des Schwertes“, also den Nachkommen der Überlebenden von 1915, ein Ende setzen wird?

Ist es möglich, in dieser schweren Stunde, in der unsere wesentlichsten humanistischen Werte zerschlagen werden, einen Diktator verkünden zu lassen, dass er den „Überresten des Schwertes“, also den Nachkommen der Überlebenden von 1915, ein Ende setzen wird? Können wir uns in dieser schweren Stunde, in der die Grundfesten unserer Republik angegriffen werden, mit ein paar Protesten zufrieden geben, wenn eine junge demokratische Republik, für die Frankreich immer eine Inspiration war, zwei Diktaturen gegenübersteht?

Die jüngsten Ereignisse haben Präsident Macron dazu veranlasst, eine entschiedene Haltung gegenüber der Türkei einzunehmen. Aber Frankreich muss seine Stimme im Konzert der Nationen höher erheben, um die Armenier Arzachs zu schützen, um ihr Recht auf Selbstbestimmung in einem Land zu verteidigen, das sie seit der Antike bewohnen. Wenn Frankreich dieses jahrhundertealte Bündnis verrät, wenn wir diese Brücke brennen lassen, wenn wir nicht den Mut haben, uns nach außen klar gegen die Plage des Fanatismus zu positionieren, die uns im Inneren trifft, was werden wir dann unseren Kindern sagen? Dass wir nur Kerzen angezündet und Blumen niedergelegt haben?

Jérôme Attal

Stéphane Bern

Emmanuelle de Boysson

Nathalie de Broc

Pascal Bruckner

David Camus

Mireille Calmel

Virginie Carton

Françoise Chandernagor

Paule Constant

Marie-Do Chaize

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Xavier Darcos

Didier Decoin

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Olivier Delorme

Carole Duplessis-Rousée

Catherine École-Boivin

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David Foenkinos

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Lorraine Fouchet

Franz-Olivier Giesbert

Catherine Hermary-Vieille

Alexandre Jardin

Michèle Kahn

Yann Keffelec

Philippe Labro

Thibault de Montaigu

Erik Orsenna

Gilles Paris

Jean-Marie Rouart

Bernadette Pecassou-Camebrac

Patrick Poivre d’Arvor

Michel Quint

Tatiana de Rosnay

Gilbert Sinoué

Akli Tadjer

Valérie Toranian

Tigrane Yegavian.

Auch interessant zum besseren Verständnis der Thematik:

„Waiting for Friendship“ ist ein sehenswertes Werk von Silvina Der Meguerditchian, denn es arbeitet vor allem zwei Sachverhalte sehr gut heraus, die in der westlichen Welt weitgehend unbekannt, aber für das Verständnis des derzeitigen Krieges um Arzach / Bergkarabach essentiell wichtig sind:

1. Die Armenier wollen auf jeden Fall verhindern, dass Arzach / Bergkarabach ein zweites Nachitschewan und Stepanakert oder Schuschi zu einem zweiten Culfa werden.

2. Warum die Erfahrungen der Causae Akram Aylisli und Ramil Səfərov verheißen, dass armenisches Leben unter der dem aserbaidschanischen Aliyew-Regime unmöglich sein wird.

Erdoğans dschihadistische Söldner gegen Armenien?

Seit dem 12. Juli eskalieren die Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. Seitdem droht täglich ein Krieg zwischen den beiden Ländern auszubrechen. In diesem Konflikt, den man nur vollends verstehen kann, wenn man Geschichte und Verhältnis der beiden Völker über die vergangenen 200 Jahre akribisch analysiert, könnten nun, ähnlich aber stärker wie Anfang der 90er, dschihadistische Söldner eine Rolle spielen.

„Der türkische Staat senkt die Gehälter seiner Söldner in Libyen von 2000 Dollar auf nur 800 Dollar und fordert sie auf, sechs Monate lang nach Aserbaidschan zu reisen, um für 2500 Dollar pro Monat gegen Armenien zu kämpfen“ twitterte der syrisch-kurdische Journalist Farhad Shami am 18. Juli unter Berufung auf eine private Quelle.

Auch Ahval News, das Portal des seit 2016 im Exil lebenden Preisträgers des Journalistenpreises der Münchner Südosteuropagesellschaft, Yavuz Baydar berichtete am 21. Juli unter Berufung auf die russische Nachrichtenagentur TASS, die Türkei böte derzeit dschihadistischen Söldnern höhere Löhne, wenn sie aus dem syrischen Afrin oder Libyen für ein halbes Jahr ins Südkaukasus gingen, um im dortigen Konflikt die aserbaidschanische Seite gegen Armenien zu verstärken.

Zwar sind die Einwohner der Türkei mehrheitlich sunnitische Muslime, während man in Aserbaidschan überwiegend dem schiitischen Islam angehört, jedoch fühlen sich die beiden Turkvölker stark miteinander verbunden. Heydar Aliyev, Vater und Vorgänger des heutigen aserbaidschanischen Präsidenten, Ilham Aliyev prägte in Bezug auf die türkisch-aserbaidschanischen Beziehungen während seiner Amtszeit den Wahlspruch: „Eine Nation, zwei Staaten“ („Bir millet iki devlet“)Der Slogan wird derzeit in vielen türkischsprachigen Artikeln und bei pro-aserbaidschanischen Demonstrationen aufgegriffen.

Eine gemeinsame offene Grenze zwischen diesen vermeintlichen „zwei Staaten einer Nation“ ist der Traum nicht weniger nationalkonservativer Türken und Aserbaidschaner. Doch durch die Existenz Armeniens gibt es überhaupt keine gemeinsame Grenze, mit Ausnahme der Exklave Nachitschewan.

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Foto: Az-qa-kaart-en.png from Wikimedia Commons, the free media repository (URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f6/Az-qa-kaart-en.png)

Es wäre außerdem nicht das erste Mal, dass Dschihadisten im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan eine Rolle spielen.

In Europa aufgrund der Lage im damaligen Jugoslawien nahezu unbeachtet, markierte der Bergkarabachkrieg zwischen 1992 und 1994 die bislang heftigsten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ländern im Südkaukasus, die insgesamt rund 30.000 Todesopfer kosteten. Als ihr prägnantestes geopolitisches Resultat für die Region ist die bis heute andauernde De-Facto-Unabhängigkeit Bergkarabachs bzw. Arzachs, wie die Armenier das Gebiet nennen, unter armenischem Protektorat.

Damals bereits kämpften in den Jahren 1992 und 1993 etwa 2.000 afghanische Mudschaheddin mit samt ihrer tschetschenischen Division auf aserbaidschanischer Seite.

Dies geht unter anderem aus einem Bericht des US-amerikanischen CIA-Ablegers FBIS aus dem Jahr 1996 hervor.

Jene tschetschenische Division war damals ca. 200 Mann stark und stand unter dem Kommando von Shamil Basajew, der u.a. als geistiger Drahtzieher der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater am 23. Oktober 2002 und der Anschläge auf zwei Flugzeuge in Russland am 24. August 2004 gilt.

Anfang der 90er waren dschihadistische Söldner im Bergkarabach nur eine Randerscheinung.

Doch heute hat sich die Ausgangslage geändert. Das spätantike Armenien gilt als erstes Land der Welt, welches das Christentum zur Staatsreligion machte. Dass das heutige Armenien sich in dieser Tradition sieht, stellt, ideologisch gesehen, für stramme Islamisten bereits einen Grund dar das kleine Land von der Größe Brandenburgs als Feindbild zu betrachten, ebenso wie die Tatsache, dass einige Armenier in Syrien entweder auf der Seite Assads oder der pro-kurdischen Milizen stehen, also jenen Kräften, die sich im dortigen Bürgerkrieg Gefechte mit pro-türkischen Dschihadisten liefern.

Zudem ist Armenien Russlands wichtigster Verbündeter in der Region. Jenes Russland, das in Libyen mit General Haftar und in Syrien mit Assad jeweils die erbittertsten Gegner der pro-türkischen Milizen maßgeblich unterstützt.

Neben den finanziellen Anreizen wären den Söldern also auch genügend ideologische Gründe gegeben, um sich der Achse Ankara-Baku gegen Jerewan anzuschließen, das militärisch gegen dieses Bündnis nicht ankommen können würde.

Um eine weitere Eskalation vorerst zu verhindern, könnte aber die Abschreckungskraft der militärischen Großmacht Russland entscheidend sein.

Moskau nutzt Armenien als militärischen Brückenkopf im Südkaukasus und hat ein ureigenes Interesse am Fortbestand guter Beziehungen zu Jerewan, denn das Verhältnis zu dessen westlichem Nachbar Georgien ist spätestens seit dem Krieg um Südossetien im August 2008 stark unterkühlt, und trotz guter Beziehungen zu Baku ist man sich im Kreml darüber bewusst, dass ein Aserbaidschan unter Aliyev sich im Zweifel immer für Ankara entscheiden würde. Fiele Armenien, wäre auch Russland nachhaltig geschwächt.

 

 

Auf lange Sicht kann Freiheit nicht der Gesundheit geopfert werden

In den vergangen Wochen wurde vereinzelt immer wieder die Frage gestellt, ob wir derzeit von Virologen regiert würden. Genauer gesagt scheint es sogar so zu sein, dass die Einschätzungen und Empfehlungen von Prof. Christian Drosten gerade uneingeschränktes Vertrauen seitens der Bundesregierung genießen. So verwundert es nicht, dass die Bundeskanzlerin und der oberste Virologe der Berliner Charité vergangene Woche nahezu synchron mutmaßlichen Leichtsinn der Bevölkerung anprangerten und eindringlich vor einem zweiten Lockdown warnten. Dass der Umgang mit der Coronakrise auch unter Virologen, Infektiologen und Epidemiologen durchaus kontrovers diskutiert wird und teilweise sogar umstritten ist, scheint in Berlin entweder nicht anzukommen oder sogar abgeblockt zu werden. Wann immer eine Ansicht auch nur ansatzweise mit dem Merkel-Drosten-Kurs kollidiert, wird sie abgeblockt, degradiert und medial plattgewalzt. Ob das aus medizinischer Sicht gerechtfertigt ist, vermögen wohl tatsächlich nur wenige unter uns qualifiziert zu beurteilen. Fakt ist aber in jedem Fall, wo eigentlich Kontroversen existieren wird Absolutheit suggeriert.

Und bei genauerem Hinsehen sticht noch eine Tatsache markant hervor. Das letzte Mal nämlich, als die Bundesregierung, angeführt vom Kanzleramt, derart auf eine Karte setzend, einen Diskurs verweigert hat, entpuppte sich ihre Strategie schlussendlich als krachender Misserfolg. Dies geschah nämlich beim Flüchtlingsdeal mit der Türkei, als Berlin entgegen jedweder, noch so gut begründeter Bedenken, nur die Meinung bzw. den Plan eines Gerald Knaus gelten lies.

Ganz davon abgesehen, kommen abseits der medizinischen Komponenten Stimmen aus anderen gesellschaftlichen Teilbereichen viel zu kurz.

Dies ist allerdings kein Phänomen, das auf Deutschland beschränkt wäre.

Lassen wir daher im Folgenden einen Experten für Gesundheitspsychologie und Infektionskrankheiten, einen Schriftsteller und einen Philosophen zu Wort kommen, und werfen dazu einen Blick nach Frankreich, wo man noch drakonischere Lockdown-Maßnahmen vollzogen hat, als es in Deutschland der Fall war und ist.

 

Autoritäres Modell, das auf Repression, Stigmatisierung und Angst beruht

Dr. Jocelyn Raude ist Experte für Gesundheitspsychologie und Infektionskrankheiten. Er forscht an der Hochschule für öffentliche Gesundheit in Rennes. Kürzlich gab er dem Radiosender France Bleu ein interessantes Interview. Darin äußerte er sich äußerst kritisch zu den in Frankreich durchgeführten Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus. Die Ursache für diese harten Eingriffe sieht er im gesundheitspolitischen Missmanagement der Regierung, das sich in einem massiven Mangel an medizinischem Gerät äußert. Für den bretonischen Professor haben Frankreich und viele andere europäische Staaten zu wenig auf asiatische Länder wie Taiwan, Japan und Südkorea geschaut, die die Pandemie erfolgreich ohne Lockdown meistern. Stattdessen orientiere man sich zu sehr am chinesischen Modell, das auf

„Repression, Stigmatisierung schlechter Bürger und Angst vor der Polizei“

beruhe, und einen antiquierten Weg beschreitet, der im 19. Jahrhundert zur Eindämmung von Choleraepidemien entwickelt und beschritten wurde.

gefunden auf: https://bigvill.ru/ aus einem Artikel über historische Epidemien in der Wolgaregion, Direktlink zum Bild: https://bigvill.ru/wp-content/uploads/2020/04/01.jpg

Die, unmittelbar spürbaren, sozialen Folgen sieht Professor Raude zwiegespalten. Einerseits sei eine bemerkenswerte, breit offen bekundete Wertschätzung für Mitarbeiter des Gesundheitswesens zu Tage getreten. Andererseits sei gleichzeitig ein hohes Maß an Anprangerung, Misstrauen und Denunziation gefördert worden.

Das Missmanagement der französischen Regierung werde auch am Paradox deutlich, dass Orte mit verschwindend geringem Ansteckungsrisiko wie Parks, Wälder und Strände für die Öffentlichkeit gesperrt worden seien, während gleichzeitig Erkrankte nicht isoliert wurden. Dieser irrationale Aktionismus erkläre auch, warum die Infektionszahlen in Frankreich trotz, mit aller Härte durchgesetzter, drakonischer Einschränkungen lange stark in die Höhe schnellten.

Den rigorosen Ansatz der französischen Regierung hält er in Bezug auf die öffentliche Gesundheit für fragwürdig.

 

Zerstörung unserer Grundfreiheiten

Schriftsteller Alain Damasio geht noch um einiges härter mit der französische Regierung ins Gericht und prangert sie für ihren rigorosen Lockdown harsch an. In einem Interview mit der Zeitung Libération spricht er wortwörtlich von der „Zerstörung unserer Grundfreiheiten“. Zwar räumt er eine gewisse Nützlichkeit ergriffener Maßnahmen ein, verneint aber entschieden ihre Notwendigkeit. Der, hart durchgreifenden, französischen Polizei wirft er vor, bereits 2019 im Rahmen der Gelbwestenproteste ihre Kompetenzen auf gewalttätige Weise weit überschritten zu haben. Aktuell werde sie zum „bewaffneten Flügel gesundheitspolitischer Inkompetenz“ der Regierung, so der Autor des dystopischen Science-Fiction-Romans „The Stealthy“.

Gegenüber Libération sagt der Schriftsteller, der in gewisser Weise in einer Linie mit Autoren wie George Orwell, H.G. Wells oder Aldous Huxley gesehen werden kann:

„Für mich wird keine Epidemie, keine Todesursache, vor allem keine, die in Wirklichkeit so wenig tödlich ist wie Covid-19, jemals rechtfertigen, dass sie als Alibi benutzt wird, um unsere Grundfreiheiten zu zerstören.“

Damasio ist der Ansicht die Gesellschaft befinde sich in einer „wohlstandsverstandenen Pseudopanik“ und wirft der Regierung eine regelrechte Inszenierung der Angst“ vor.

 

Lieber infiziert in einem freien Land als Flucht vor der Infektion in einen totalitären Staat

Ein markiges, zur Kernkritik Damasios passendes, Zitat überschreibt das Interview der belgischen Zeitung L’Écho mit dem Philosophieprofessor und ehemaligen Lehrstuhlinhaber der Sorbonne André Comte-Sponville.

Der 68-Jährige bekennt offen gegenüber seinem Interviewpartner:

„Ich würde mir lieber eine Covid-19-Infektion in einem freien Land einfangen, als davor in einen totalitären Staat zu fliehen.“

Umso bemerkenswerter wird diese Äußerung, wenn man sich vor Augen führt, dass sie von jener Schlüsselfigur des zeitgenössischen französischen Denkens getätigt wird, die Philosophie westlich des Rheins populär gemacht hat.

André Comte-Sponville stellt klar, dass natürlich jeder Todesfall tragisch sei, gibt jedoch das hohe Durchschnittsalter der Todesfälle mit Covid-19 zu bedenken und stellt die rhetorische Frage, warum diese 14.000 Coronatoten mehr betrauert werden sollen als die anderen jährlich 150.000 einem Krebsleiden erliegenden Patienten oder insgesamt 600.000 Todesfälle in Frankreich oder 9 Millionen Menschen weltweit, die pro Jahr an Unterernährung sterben. Der Schrecken des neuartigen Coronavirus bestehe vor allem darin, dass er uns die unerträgliche Endlichkeit des eigenen Lebens, zunächst überraschend und seit einigen Wochen permanent, vor Augen führe.

Aus Sicht des Philosophen rechtfertige ein Virus mit einer Sterblichkeitsrate von maximal 1% bis 2% auch nicht, dass die Medien monatelang über nichts anderes berichten und bei ihren Zuschauern eine ständige „Angst im Bauch“ hervorrufen und aufrechthalten.

Auf die Frage, was er von der These hält, dass die, durch den Lockdown bedingte, Wirtschaftsblockade schlimmer wäre als das Virus selbst, antwortet der 68-Jährige:

„Ich stimme zu, und genau das macht mir Angst. Ich mache mir mehr Sorgen um die berufliche Zukunft meiner Kinder als um meine Gesundheit als Mensch beinahe in den 70er Jahren. Frankreich plant, wegen Covid und seiner Eindämmung zusätzliche 100 Milliarden Euro auszugeben. Ich bin nicht dagegen. Aber wer wird bezahlen? Wer wird unsere Schulden begleichen? Unsere Kinder, wie immer… Es bringt mich zum Weinen.“

Dennoch kann der große Denker dem Lockdown auch Positives abgewinnen. Zum einen sei gelernt worden, dass Solidarität bedeute andere zu schützen, indem man sich selbst schützt. Außerdem habe die Erfahrung der „Gefangenschaft“ die allgemeine Wahrnehmung und Wertschätzung der Freiheit nachhaltig gestärkt. Und zu guter Letzt sei das Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod von grundlegender Bedeutung, um sich den Wert des Lebens vor Augen führen zu können.

Auf die Frage, ob Gesundheit zum absoluten Wert unserer Gesellschaften geworden ist, antwortet Comte-Sponville mit „Leider! Dreimal leider“, mahnt die Zurückdrängung von Werten wie „Gerechtigkeit, Liebe oder Freiheit“ an und fährt fort:

„Medizin ist eine großartige Sache, aber sie kann nicht an die Stelle von Politik, Moral oder Spiritualität treten. Schauen Sie sich unsere Fernsehnachrichten an: Wir sehen jetzt nur noch Ärzte. Danken wir ihnen für die großartige Arbeit, die sie leisten, und für die Risiken, die sie eingehen. Aber schließlich sind Experten dazu da, das Volk und seine gewählten Vertreter aufzuklären, nicht um zu regieren.“

Der französische Philosophieprofessor schlechthin legt sich fest, dass wir auf lange Sicht die Freiheit nicht der Gesundheit opfern können.

Nicht nur, aber auch vor dem Hintergrund dieser skizzierten französischen Perspektiven, sollte die deutsche Bundesregierung den bemerkenswert interdisziplinären Appel von Alexander Kekulé, Julian Nida-Rümelin, Boris Palmer, Christoph M. Schmidt, Thomas Straubhaar und Juli Zeh nach einem Ausstieg aus dem Lockdown dringendst ernst nehmen.

Quellen:

– Le confinement en France, un modèle „autoritaire“ à la chinoise selon un chercheur breton, France Bleu, 16. April 2020

– Alain Damasio : «La police n’a pas à être le bras armé d’une incompétence sanitaire massive», Libération, 31. März 2020

– André-Comte Sponville: „J’aime mieux attraper le Covid-19 dans un pays libre qu’y échapper dans un État totalitaire“, L’Écho, 18. April 2020

– Raus aus dem Lockdown – so rasch wie möglich, Spiegel, 24. April 2020

Wie Corona unser Leben unlebendig macht

Wurde der Beginn einer dystopischer Gesellschaft eingeläutet?

„Ich fühle mich nur lebendig, wenn ich nachts träume.“

Dieser Satz stammt eigentlich aus einer musikalischen Liebeserklärung von Marc Anthony an eine, im doppelten Sinne wortwörtlich wahrzunehmende, Traumfrau aus dem Jahr 1999.

Angesichts der aktuellen Krisenzeiten und dem Stillstand von weiten Bereichen des öffentlichen Lebens, beschreibt er auch den Gemütszustand vieler Menschen.

Wurde der Beginn einer dystopischer Gesellschaft eingeläutet?

„Ich fühle mich nur lebendig, wenn ich nachts träume.“

Dieser Satz stammt eigentlich aus einer musikalischen Liebeserklärung von Marc Anthony an eine, im doppelten Sinne wortwörtlich wahrzunehmende, Traumfrau aus dem Jahr 1999.

Angesichts der aktuellen Krisenzeiten und dem Stillstand von weiten Bereichen des öffentlichen Lebens, beschreibt er auch den Gemütszustand vieler Menschen.

 

Hölle ist Wiederholung

Ob quälender Fragen steht man morgens nur widerwillig auf.

Wo einst pulsierende Zentren des sozialen und kulturellen Lebens waren, sind nun Geisterstädte.

Wie lange dauert dieser unerträgliche Ausnahmezustand noch?

Wie sieht die Zukunft danach aus? Gibt es dann für mich oder uns überhaupt noch eine Zukunft?

Die Minen der Menschen, die man bei den spärlichen noch möglichen Aktivitäten außerhalb des eigenen Haushalts antrifft, werden immer finsterer.

Mancherorts hört man von Nachbarn, die einander bei der Polizei denunzieren, weil zu Dritt oder zu Viert auf der Parkbank gesessen oder ein Schwätzchen am Gartenzaun gehalten wird.

Draußen treiben es einige soweit, dass sie sich mehrmals am Tag zur Seite springend beim Versuch auch ja das Dreifache des empfohlenen Sicherheitsabstands einhalten beinahe den Hals brechen.

Man kann es ihnen nicht verübeln, denn sie stehen unter dem Eindruck täglicher Horrorzahlen, die ohne zwingend notwendige Einordnung in jegliches Verhältnis oder jeglichen Kontext, kombiniert mit noch horrormäßigeren Bildern und repetitiven Schlagzeilen, eigentlich ist man mittlerweile fast schon gewillt zu sagen „Parolen“, präsentiert werden.

„Hölle ist Wiederholung“ beschreibt dieser Tage nicht nur ein Konzept von Stephen Kings Horrorromanen, sondern auch den Alltag vieler Menschen und vor allem das mediale Programm.

 

Atomisierung der Gesellschaft

Wie wohl alle, für die selbst jetzt der Arbeitsalltag weitergeht, sind auch die Telefonseelsorgen überlastet.

Auch beim Mieterbund glühen die Leitungen, weil immer mehr Menschen ihre Mieten nicht mehr zahlen können.

Österreich verzeichnet bereits jetzt die höchste Arbeitslosenzahl seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Und sie wird wohl weitersteigen, nicht nur in der Alpenrepublik.

Große Unternehmen mit immenser Bedeutung für die Infrastruktur und Attraktivität vieler Städte müssen bereits Insolvenz anmelden, und fast eine halbe Million (!) Firmen haben Kurzarbeit angemeldet.

Mit jedem Tag steigt die Zahl derer, deren berufliche Existenz vollkommen unverschuldet auf der Kippe steht. Besonders tragisch für sie ist, dass sie aufgrund der weitestgehenden Stilllegung des öffentlichen Lebens eigentlich keine Möglichkeit haben, sich in anderen Lebensbereichen Erfolgserlebnisse zu holen.

Im persönlichen Umfeld hört man von immer mehr Krebspatienten, dass sie nicht mehr behandelt, weil ihre Onkologen verpflichtet sind sich im „Corona-Standby“ zu halten.

Keiner der fast ein Dutzend Ärzte und medizinisch-technischen Gutachter, mit denen man bislang gesprochen hat, hält die massiven Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie für auch nur annähernd verhältnismäßig.

Das sind nur ein paar Beispiele für ein irrsinniges, gesellschaftliches Drama, das sich gerade ereignet. Sie lassen sich endlos weiterführen.

Großeltern und Urgroßeltern rufen täglich an. Trotz eines Negativtests ihres Enkel bzw. Urenkels haben sie weiter Angst vor physischem Kontakt zu ihm. Auf die Frage nach dem Warum kommen dann solche Antworten: „Die haben im Fernsehen gesagt man soll das nicht, sonst endet man auf einer überfüllten Intensivstation wie in Italien.“

Das entbehrt jeder Vernunft, und verdeutlicht die zwischenmenschlich, gesellschaftlich und kulturell fatalen Effekte, die durch die mediale Berichterstattung und das Auftreten europäischer Regierungspolitiker hervorgerufen werden.

Einige, die die Auswirkungen des Shutdowns selbst noch gar nicht spüren, Entrüsten sich über Vorschläge alte und vorerkrankte Menschen länger zu isolieren als jüngere. Darüber kann man eigentlich nur müde gequält lächeln. Status Quo ist nämlich, dass sie sich eingeschüchtert bereits selbst isolieren.

Mit der viel beschworenen Solidarität hat der aktuelle gesellschaftliche Wandel nämlich rein gar nichts zu tun. Der hip und dynamisch anmutende Anglizismus „Social Distancing“ ist eigentlich maximal statisch und für soziale Wesen einfach nur beklemmend.

Passender formuliert es der italienische Journalist und Dokumentarfilmer Fulvio Grimaldi. Er spricht von einer „Atomisierung der Gesellschaft“, also einer kompletten Zerlegung in ihre kleinsten Bestandteile ergo die Individuen, durch das offenkundig maximal effektive „Druckmittel Gesundheit“.

Er hat Recht und folgerichtig müssen wir uns die Frage stellen, ob wir diese Beerdigung zahlreicher zivilisatorischer Errungenschaften bezüglich transkulturell gültiger Definitionen von Gemeinschaft zugunsten einer immer dystopischer anmutenden Gesellschaft wirklich geschehen lassen wollen.

 

Schockwirkung durch Druckmittel erwünscht

Währenddessen werden die Bundesregierung und ihre, irgendwie handverlesen anmutenden Experten, es nicht müde, immer wieder einigermaßen martialisch, vor der „Ruhe vor dem Sturm“ und „Zuständen in Italien“ zu warnen.

Durch eben solche Rhetorik werden Reaktionen wie irrationale Selbstisolation von Großeltern und Urgroßeltern gegenüber ihren nachweislich negativ auf Covid-19 getesteten Enkeln und Urenkeln verantwortlich. Die Atomisierung der Gesellschaft wird so vorangetrieben.

Täglich werden, immer negativer stimmende Zahlen von Infizierten und Toten vermeldet.

Wo bleiben Meldungen über die Zahl der Genesenen?

Lange wurde es gänzlich versäumt, die Zahl der infizierten in Relation zur Gesamtzahl der getesteten Personen zu setzen. Dies geschieht nun seit zwei Wochen zumindest immer donnerstags auf der Internetseite des Robert-Koch-Instituts.

Berücksichtigt man dieses Verhältnis, kommt bislang auf Steigerungen von +0,9% (von Kalenderwoche 11 auf Kalenderwoche 12) bzw. +1,9% (von Kalenderwoche auf Kalenderwoche 13).

Diese Zahlen und ihr Graph wirken weitaus weniger bedrohlich als Meldungen von zigtausenden „Neuinfektionen“, und es ist auch nur logisch, dass die Zahl der Infizierten mit der Zahl der Getesteten ansteigt!

Tab 1
Hoffmann A, Noll I, Willrich N, Reuss A, Feig M, Schneider MJ, Eckmanns T, Hamouda O, Abu Sin M: Laborbasierte Surveillance SARS-CoV-2. Epid Bull 2020;15:5– 9 | DOI 10.25646/6627. Tab. 1, https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/15_20.pdf?__blob=publicationFile

Abb. 2
Hoffmann A, Noll I, Willrich N, Reuss A, Feig M, Schneider MJ, Eckmanns T, Hamouda O, Abu Sin M: Laborbasierte Surveillance SARS-CoV-2. Epid Bull 2020;15:5– 9 | DOI 10.25646/6627. Abb. 2 https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/15_20.pdf?__blob=publicationFile

Zudem ist der Begriff „Neuinfektionen“ irreführend, da zwischen Test und Ergebnis mehrere Tage vergehen, und zudem niemand weiß wann sich die jeweilige getestete Person tatsächlich angesteckt.

Die omnipräsenten, beängstigend steilen Wachstumskurven der Neuinfektionen sind aus dem Kontext gerissen, da sie wichtige Verhältnismäßigkeiten nicht berücksichtigen, die sie viel, viel flacher erscheinen lassen!

Auch das Durchschnittsalter der Verstorbenen und als „Coronatote“ gezählten Menschen mildert ohne entsprechende Schlagzeilen den Schrecken vor der vermeintlichen Killerseuche.

Es liegt sowohl in Italien als auch in Deutschland bei 80 Jahren. In Italien belegen Statistiken sogar, dass die Hälfte von ihnen unter durchschnittlich drei oder mehr ernsthaften Vorerkrankungen litt.

Die inflationäre Verwendung des Begriffs „Corona-Tote“ ist also eine irreführende und vollkommen unsachliche Verzerrung der Tatsachen.

Aber die „Schockwirkung“ ist seitens des Innenministeriums sogar ausdrücklich erwünscht, wie aus einem vertraulichen Strategiepapier hervorgeht. Auch hier erscheint Fulvio Grimaldis These vom „Druckmittel Gesundheit“ überaus plausibel.

 

Kein Platz für Diskurs

Zudem häufen sich gerade auffällig die Beispiele von Zensur oder persönlicher Diskreditierung jener Fachleute, die die offizielle Darstellung in Frage stellen. Prof. Dr. Sucharit Bhakdi und Prof. Dr. Stefan Hockertz sind da nur zwei von sich gerade summierenden Beispielen. Lt. Fulvio Grimaldi passierte in Italien Ähnliches mit Prof. Dr. Maria Rita Gismondo.

Die Herabsetzung von Dr. Wolfgang Wodarg vom „Experten“ und Ansprechpartner von Frontal 21 zum „Scharlatan“ und vermeintlichen Verschwörungstheoretiker innerhalb von nur 10 Tagen passen hier ins Bild.

Kleine Lichtblicke bieten zumindest die gelegentlichen TV-Auftritte von Prof. Hendrik Streeck.

 

Wie weit wollen wir dieses orwellsche Szenario noch treiben?

Angesichts solcher Ereignisse und Vorgänge, fängt man plötzlich wieder an Tracks aus der eigenen Jugend zu hören, für die man sich zwischenzeitlich lange zu reif gehalten hat; z.B. „Telling Lies“ und „Psychology“ von Dead Prez, denn Existenzängste, Depressionen und Aggressionen werden nicht nur im Umfeld sondern konkret bei sich selbst immer greifbarer.

Soloselbstständige, kleinere Mittelständler und ihre Familien spüren bereits jetzt die Folgen des Lock-Downs. Auch viele Angestellte werden sie spüren, wenn das erste Mal nur noch Kurzarbeitergeld auf dem Konto eingeht. Sollten die Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie, wie einige bereits fordern, ein halbes, ein ganzes Jahr oder womöglich noch länger aufrechterhalten werden, dann wird es auch für viele, die im Moment noch die Arbeit vom Homeoffice romantisieren, ein böses Erwachen in Arbeits- und Mittelosigkeit geben.

Gastronomen, Betreiber von Reisebüros, Zahnärzte, Zahntechnische Labore, Buchhändler, Boutiquen sind nur einige von zahlreichen Berufe, die, wie ihre Zulieferer, aktuell beinahe gänzlich verschwinden bedroht sind. Mit ihnen verschwinden ebenfalls massenweise Arbeitsplätze und Existenzen.

Wünschen wir uns einmal ebenso wie das Bundesinnenministerium „Schockwirkung“, dann können wir sagen, dass wir am Anfang des Zusammenbruchs unserer Wirtschafts- und Sozialsysteme stehen. Ein Zusammenbruch, der zwangläufig auch das Gesundheitssystem mitreißen würde, das dann auch durch keinen, noch so flachen, Kurvenverlauf mehr zu retten wäre. Wir müssten im Laufe der nächsten Jahre mit Folgen wie immensem Mittelstandssterben, Massenarbeitslosigkeit, regelmäßigen Familiendramen und ausufernden Selbstmordraten rechnen.

Befinden wir uns eher am Anfang einer Pandemie oder eher am Anfang einer dystopischen Gesellschaft? Oder beides?

Werden wir einen viel zu hohen Preis für unseren unreflektierten Gehorsam bezahlen?

Wird an uns womöglich „gerade ein Verbrechen ohne Gleichen begangen“, wie es Antoine Richard unter dem Eindruck der Erkenntnisse von Prof. Dr. Carsten Scheller in einem Facebookbeitrag ausdrückt?

Das liest sich jetzt alles wie Schwarzmalerei, Hysterie und Panikmache? Schockwirkung erwünscht!