Erdoğans dschihadistische Söldner gegen Armenien?

Seit dem 12. Juli eskalieren die Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. Seitdem droht täglich ein Krieg zwischen den beiden Ländern auszubrechen. In diesem Konflikt, den man nur vollends verstehen kann, wenn man Geschichte und Verhältnis der beiden Völker über die vergangenen 200 Jahre akribisch analysiert, könnten nun, ähnlich aber stärker wie Anfang der 90er, dschihadistische Söldner eine Rolle spielen.

„Der türkische Staat senkt die Gehälter seiner Söldner in Libyen von 2000 Dollar auf nur 800 Dollar und fordert sie auf, sechs Monate lang nach Aserbaidschan zu reisen, um für 2500 Dollar pro Monat gegen Armenien zu kämpfen“ twitterte der syrisch-kurdische Journalist Farhad Shami am 18. Juli unter Berufung auf eine private Quelle.

Auch Ahval News, das Portal des seit 2016 im Exil lebenden Preisträgers des Journalistenpreises der Münchner Südosteuropagesellschaft, Yavuz Baydar berichtete am 21. Juli unter Berufung auf die russische Nachrichtenagentur TASS, die Türkei böte derzeit dschihadistischen Söldnern höhere Löhne, wenn sie aus dem syrischen Afrin oder Libyen für ein halbes Jahr ins Südkaukasus gingen, um im dortigen Konflikt die aserbaidschanische Seite gegen Armenien zu verstärken.

Zwar sind die Einwohner der Türkei mehrheitlich sunnitische Muslime, während man in Aserbaidschan überwiegend dem schiitischen Islam angehört, jedoch fühlen sich die beiden Turkvölker stark miteinander verbunden. Heydar Aliyev, Vater und Vorgänger des heutigen aserbaidschanischen Präsidenten, Ilham Aliyev prägte in Bezug auf die türkisch-aserbaidschanischen Beziehungen während seiner Amtszeit den Wahlspruch: „Eine Nation, zwei Staaten“ („Bir millet iki devlet“)Der Slogan wird derzeit in vielen türkischsprachigen Artikeln und bei pro-aserbaidschanischen Demonstrationen aufgegriffen.

Eine gemeinsame offene Grenze zwischen diesen vermeintlichen „zwei Staaten einer Nation“ ist der Traum nicht weniger nationalkonservativer Türken und Aserbaidschaner. Doch durch die Existenz Armeniens gibt es überhaupt keine gemeinsame Grenze, mit Ausnahme der Exklave Nachitschewan.

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Foto: Az-qa-kaart-en.png from Wikimedia Commons, the free media repository (URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f6/Az-qa-kaart-en.png)

Es wäre außerdem nicht das erste Mal, dass Dschihadisten im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan eine Rolle spielen.

In Europa aufgrund der Lage im damaligen Jugoslawien nahezu unbeachtet, markierte der Bergkarabachkrieg zwischen 1992 und 1994 die bislang heftigsten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ländern im Südkaukasus, die insgesamt rund 30.000 Todesopfer kosteten. Als ihr prägnantestes geopolitisches Resultat für die Region ist die bis heute andauernde De-Facto-Unabhängigkeit Bergkarabachs bzw. Arzachs, wie die Armenier das Gebiet nennen, unter armenischem Protektorat.

Damals bereits kämpften in den Jahren 1992 und 1993 etwa 2.000 afghanische Mudschaheddin mit samt ihrer tschetschenischen Division auf aserbaidschanischer Seite.

Dies geht unter anderem aus einem Bericht des US-amerikanischen CIA-Ablegers FBIS aus dem Jahr 1996 hervor.

Jene tschetschenische Division war damals ca. 200 Mann stark und stand unter dem Kommando von Shamil Basajew, der u.a. als geistiger Drahtzieher der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater am 23. Oktober 2002 und der Anschläge auf zwei Flugzeuge in Russland am 24. August 2004 gilt.

Anfang der 90er waren dschihadistische Söldner im Bergkarabach nur eine Randerscheinung.

Doch heute hat sich die Ausgangslage geändert. Das spätantike Armenien gilt als erstes Land der Welt, welches das Christentum zur Staatsreligion machte. Dass das heutige Armenien sich in dieser Tradition sieht, stellt, ideologisch gesehen, für stramme Islamisten bereits einen Grund dar das kleine Land von der Größe Brandenburgs als Feindbild zu betrachten, ebenso wie die Tatsache, dass einige Armenier in Syrien entweder auf der Seite Assads oder der pro-kurdischen Milizen stehen, also jenen Kräften, die sich im dortigen Bürgerkrieg Gefechte mit pro-türkischen Dschihadisten liefern.

Zudem ist Armenien Russlands wichtigster Verbündeter in der Region. Jenes Russland, das in Libyen mit General Haftar und in Syrien mit Assad jeweils die erbittertsten Gegner der pro-türkischen Milizen maßgeblich unterstützt.

Neben den finanziellen Anreizen wären den Söldern also auch genügend ideologische Gründe gegeben, um sich der Achse Ankara-Baku gegen Jerewan anzuschließen, das militärisch gegen dieses Bündnis nicht ankommen können würde.

Um eine weitere Eskalation vorerst zu verhindern, könnte aber die Abschreckungskraft der militärischen Großmacht Russland entscheidend sein.

Moskau nutzt Armenien als militärischen Brückenkopf im Südkaukasus und hat ein ureigenes Interesse am Fortbestand guter Beziehungen zu Jerewan, denn das Verhältnis zu dessen westlichem Nachbar Georgien ist spätestens seit dem Krieg um Südossetien im August 2008 stark unterkühlt, und trotz guter Beziehungen zu Baku ist man sich im Kreml darüber bewusst, dass ein Aserbaidschan unter Aliyev sich im Zweifel immer für Ankara entscheiden würde. Fiele Armenien, wäre auch Russland nachhaltig geschwächt.

 

 

Auf lange Sicht kann Freiheit nicht der Gesundheit geopfert werden

In den vergangen Wochen wurde vereinzelt immer wieder die Frage gestellt, ob wir derzeit von Virologen regiert würden. Genauer gesagt scheint es sogar so zu sein, dass die Einschätzungen und Empfehlungen von Prof. Christian Drosten gerade uneingeschränktes Vertrauen seitens der Bundesregierung genießen. So verwundert es nicht, dass die Bundeskanzlerin und der oberste Virologe der Berliner Charité vergangene Woche nahezu synchron mutmaßlichen Leichtsinn der Bevölkerung anprangerten und eindringlich vor einem zweiten Lockdown warnten. Dass der Umgang mit der Coronakrise auch unter Virologen, Infektiologen und Epidemiologen durchaus kontrovers diskutiert wird und teilweise sogar umstritten ist, scheint in Berlin entweder nicht anzukommen oder sogar abgeblockt zu werden. Wann immer eine Ansicht auch nur ansatzweise mit dem Merkel-Drosten-Kurs kollidiert, wird sie abgeblockt, degradiert und medial plattgewalzt. Ob das aus medizinischer Sicht gerechtfertigt ist, vermögen wohl tatsächlich nur wenige unter uns qualifiziert zu beurteilen. Fakt ist aber in jedem Fall, wo eigentlich Kontroversen existieren wird Absolutheit suggeriert.

Und bei genauerem Hinsehen sticht noch eine Tatsache markant hervor. Das letzte Mal nämlich, als die Bundesregierung, angeführt vom Kanzleramt, derart auf eine Karte setzend, einen Diskurs verweigert hat, entpuppte sich ihre Strategie schlussendlich als krachender Misserfolg. Dies geschah nämlich beim Flüchtlingsdeal mit der Türkei, als Berlin entgegen jedweder, noch so gut begründeter Bedenken, nur die Meinung bzw. den Plan eines Gerald Knaus gelten lies.

Ganz davon abgesehen, kommen abseits der medizinischen Komponenten Stimmen aus anderen gesellschaftlichen Teilbereichen viel zu kurz.

Dies ist allerdings kein Phänomen, das auf Deutschland beschränkt wäre.

Lassen wir daher im Folgenden einen Experten für Gesundheitspsychologie und Infektionskrankheiten, einen Schriftsteller und einen Philosophen zu Wort kommen, und werfen dazu einen Blick nach Frankreich, wo man noch drakonischere Lockdown-Maßnahmen vollzogen hat, als es in Deutschland der Fall war und ist.

 

Autoritäres Modell, das auf Repression, Stigmatisierung und Angst beruht

Dr. Jocelyn Raude ist Experte für Gesundheitspsychologie und Infektionskrankheiten. Er forscht an der Hochschule für öffentliche Gesundheit in Rennes. Kürzlich gab er dem Radiosender France Bleu ein interessantes Interview. Darin äußerte er sich äußerst kritisch zu den in Frankreich durchgeführten Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus. Die Ursache für diese harten Eingriffe sieht er im gesundheitspolitischen Missmanagement der Regierung, das sich in einem massiven Mangel an medizinischem Gerät äußert. Für den bretonischen Professor haben Frankreich und viele andere europäische Staaten zu wenig auf asiatische Länder wie Taiwan, Japan und Südkorea geschaut, die die Pandemie erfolgreich ohne Lockdown meistern. Stattdessen orientiere man sich zu sehr am chinesischen Modell, das auf

„Repression, Stigmatisierung schlechter Bürger und Angst vor der Polizei“

beruhe, und einen antiquierten Weg beschreitet, der im 19. Jahrhundert zur Eindämmung von Choleraepidemien entwickelt und beschritten wurde.

gefunden auf: https://bigvill.ru/ aus einem Artikel über historische Epidemien in der Wolgaregion, Direktlink zum Bild: https://bigvill.ru/wp-content/uploads/2020/04/01.jpg

Die, unmittelbar spürbaren, sozialen Folgen sieht Professor Raude zwiegespalten. Einerseits sei eine bemerkenswerte, breit offen bekundete Wertschätzung für Mitarbeiter des Gesundheitswesens zu Tage getreten. Andererseits sei gleichzeitig ein hohes Maß an Anprangerung, Misstrauen und Denunziation gefördert worden.

Das Missmanagement der französischen Regierung werde auch am Paradox deutlich, dass Orte mit verschwindend geringem Ansteckungsrisiko wie Parks, Wälder und Strände für die Öffentlichkeit gesperrt worden seien, während gleichzeitig Erkrankte nicht isoliert wurden. Dieser irrationale Aktionismus erkläre auch, warum die Infektionszahlen in Frankreich trotz, mit aller Härte durchgesetzter, drakonischer Einschränkungen lange stark in die Höhe schnellten.

Den rigorosen Ansatz der französischen Regierung hält er in Bezug auf die öffentliche Gesundheit für fragwürdig.

 

Zerstörung unserer Grundfreiheiten

Schriftsteller Alain Damasio geht noch um einiges härter mit der französische Regierung ins Gericht und prangert sie für ihren rigorosen Lockdown harsch an. In einem Interview mit der Zeitung Libération spricht er wortwörtlich von der „Zerstörung unserer Grundfreiheiten“. Zwar räumt er eine gewisse Nützlichkeit ergriffener Maßnahmen ein, verneint aber entschieden ihre Notwendigkeit. Der, hart durchgreifenden, französischen Polizei wirft er vor, bereits 2019 im Rahmen der Gelbwestenproteste ihre Kompetenzen auf gewalttätige Weise weit überschritten zu haben. Aktuell werde sie zum „bewaffneten Flügel gesundheitspolitischer Inkompetenz“ der Regierung, so der Autor des dystopischen Science-Fiction-Romans „The Stealthy“.

Gegenüber Libération sagt der Schriftsteller, der in gewisser Weise in einer Linie mit Autoren wie George Orwell, H.G. Wells oder Aldous Huxley gesehen werden kann:

„Für mich wird keine Epidemie, keine Todesursache, vor allem keine, die in Wirklichkeit so wenig tödlich ist wie Covid-19, jemals rechtfertigen, dass sie als Alibi benutzt wird, um unsere Grundfreiheiten zu zerstören.“

Damasio ist der Ansicht die Gesellschaft befinde sich in einer „wohlstandsverstandenen Pseudopanik“ und wirft der Regierung eine regelrechte Inszenierung der Angst“ vor.

 

Lieber infiziert in einem freien Land als Flucht vor der Infektion in einen totalitären Staat

Ein markiges, zur Kernkritik Damasios passendes, Zitat überschreibt das Interview der belgischen Zeitung L’Écho mit dem Philosophieprofessor und ehemaligen Lehrstuhlinhaber der Sorbonne André Comte-Sponville.

Der 68-Jährige bekennt offen gegenüber seinem Interviewpartner:

„Ich würde mir lieber eine Covid-19-Infektion in einem freien Land einfangen, als davor in einen totalitären Staat zu fliehen.“

Umso bemerkenswerter wird diese Äußerung, wenn man sich vor Augen führt, dass sie von jener Schlüsselfigur des zeitgenössischen französischen Denkens getätigt wird, die Philosophie westlich des Rheins populär gemacht hat.

André Comte-Sponville stellt klar, dass natürlich jeder Todesfall tragisch sei, gibt jedoch das hohe Durchschnittsalter der Todesfälle mit Covid-19 zu bedenken und stellt die rhetorische Frage, warum diese 14.000 Coronatoten mehr betrauert werden sollen als die anderen jährlich 150.000 einem Krebsleiden erliegenden Patienten oder insgesamt 600.000 Todesfälle in Frankreich oder 9 Millionen Menschen weltweit, die pro Jahr an Unterernährung sterben. Der Schrecken des neuartigen Coronavirus bestehe vor allem darin, dass er uns die unerträgliche Endlichkeit des eigenen Lebens, zunächst überraschend und seit einigen Wochen permanent, vor Augen führe.

Aus Sicht des Philosophen rechtfertige ein Virus mit einer Sterblichkeitsrate von maximal 1% bis 2% auch nicht, dass die Medien monatelang über nichts anderes berichten und bei ihren Zuschauern eine ständige „Angst im Bauch“ hervorrufen und aufrechthalten.

Auf die Frage, was er von der These hält, dass die, durch den Lockdown bedingte, Wirtschaftsblockade schlimmer wäre als das Virus selbst, antwortet der 68-Jährige:

„Ich stimme zu, und genau das macht mir Angst. Ich mache mir mehr Sorgen um die berufliche Zukunft meiner Kinder als um meine Gesundheit als Mensch beinahe in den 70er Jahren. Frankreich plant, wegen Covid und seiner Eindämmung zusätzliche 100 Milliarden Euro auszugeben. Ich bin nicht dagegen. Aber wer wird bezahlen? Wer wird unsere Schulden begleichen? Unsere Kinder, wie immer… Es bringt mich zum Weinen.“

Dennoch kann der große Denker dem Lockdown auch Positives abgewinnen. Zum einen sei gelernt worden, dass Solidarität bedeute andere zu schützen, indem man sich selbst schützt. Außerdem habe die Erfahrung der „Gefangenschaft“ die allgemeine Wahrnehmung und Wertschätzung der Freiheit nachhaltig gestärkt. Und zu guter Letzt sei das Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod von grundlegender Bedeutung, um sich den Wert des Lebens vor Augen führen zu können.

Auf die Frage, ob Gesundheit zum absoluten Wert unserer Gesellschaften geworden ist, antwortet Comte-Sponville mit „Leider! Dreimal leider“, mahnt die Zurückdrängung von Werten wie „Gerechtigkeit, Liebe oder Freiheit“ an und fährt fort:

„Medizin ist eine großartige Sache, aber sie kann nicht an die Stelle von Politik, Moral oder Spiritualität treten. Schauen Sie sich unsere Fernsehnachrichten an: Wir sehen jetzt nur noch Ärzte. Danken wir ihnen für die großartige Arbeit, die sie leisten, und für die Risiken, die sie eingehen. Aber schließlich sind Experten dazu da, das Volk und seine gewählten Vertreter aufzuklären, nicht um zu regieren.“

Der französische Philosophieprofessor schlechthin legt sich fest, dass wir auf lange Sicht die Freiheit nicht der Gesundheit opfern können.

Nicht nur, aber auch vor dem Hintergrund dieser skizzierten französischen Perspektiven, sollte die deutsche Bundesregierung den bemerkenswert interdisziplinären Appel von Alexander Kekulé, Julian Nida-Rümelin, Boris Palmer, Christoph M. Schmidt, Thomas Straubhaar und Juli Zeh nach einem Ausstieg aus dem Lockdown dringendst ernst nehmen.

Quellen:

– Le confinement en France, un modèle „autoritaire“ à la chinoise selon un chercheur breton, France Bleu, 16. April 2020

– Alain Damasio : «La police n’a pas à être le bras armé d’une incompétence sanitaire massive», Libération, 31. März 2020

– André-Comte Sponville: „J’aime mieux attraper le Covid-19 dans un pays libre qu’y échapper dans un État totalitaire“, L’Écho, 18. April 2020

– Raus aus dem Lockdown – so rasch wie möglich, Spiegel, 24. April 2020

Wie Corona unser Leben unlebendig macht

Wurde der Beginn einer dystopischer Gesellschaft eingeläutet?

„Ich fühle mich nur lebendig, wenn ich nachts träume.“

Dieser Satz stammt eigentlich aus einer musikalischen Liebeserklärung von Marc Anthony an eine, im doppelten Sinne wortwörtlich wahrzunehmende, Traumfrau aus dem Jahr 1999.

Angesichts der aktuellen Krisenzeiten und dem Stillstand von weiten Bereichen des öffentlichen Lebens, beschreibt er auch den Gemütszustand vieler Menschen.

Wurde der Beginn einer dystopischer Gesellschaft eingeläutet?

„Ich fühle mich nur lebendig, wenn ich nachts träume.“

Dieser Satz stammt eigentlich aus einer musikalischen Liebeserklärung von Marc Anthony an eine, im doppelten Sinne wortwörtlich wahrzunehmende, Traumfrau aus dem Jahr 1999.

Angesichts der aktuellen Krisenzeiten und dem Stillstand von weiten Bereichen des öffentlichen Lebens, beschreibt er auch den Gemütszustand vieler Menschen.

 

Hölle ist Wiederholung

Ob quälender Fragen steht man morgens nur widerwillig auf.

Wo einst pulsierende Zentren des sozialen und kulturellen Lebens waren, sind nun Geisterstädte.

Wie lange dauert dieser unerträgliche Ausnahmezustand noch?

Wie sieht die Zukunft danach aus? Gibt es dann für mich oder uns überhaupt noch eine Zukunft?

Die Minen der Menschen, die man bei den spärlichen noch möglichen Aktivitäten außerhalb des eigenen Haushalts antrifft, werden immer finsterer.

Mancherorts hört man von Nachbarn, die einander bei der Polizei denunzieren, weil zu Dritt oder zu Viert auf der Parkbank gesessen oder ein Schwätzchen am Gartenzaun gehalten wird.

Draußen treiben es einige soweit, dass sie sich mehrmals am Tag zur Seite springend beim Versuch auch ja das Dreifache des empfohlenen Sicherheitsabstands einhalten beinahe den Hals brechen.

Man kann es ihnen nicht verübeln, denn sie stehen unter dem Eindruck täglicher Horrorzahlen, die ohne zwingend notwendige Einordnung in jegliches Verhältnis oder jeglichen Kontext, kombiniert mit noch horrormäßigeren Bildern und repetitiven Schlagzeilen, eigentlich ist man mittlerweile fast schon gewillt zu sagen „Parolen“, präsentiert werden.

„Hölle ist Wiederholung“ beschreibt dieser Tage nicht nur ein Konzept von Stephen Kings Horrorromanen, sondern auch den Alltag vieler Menschen und vor allem das mediale Programm.

 

Atomisierung der Gesellschaft

Wie wohl alle, für die selbst jetzt der Arbeitsalltag weitergeht, sind auch die Telefonseelsorgen überlastet.

Auch beim Mieterbund glühen die Leitungen, weil immer mehr Menschen ihre Mieten nicht mehr zahlen können.

Österreich verzeichnet bereits jetzt die höchste Arbeitslosenzahl seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Und sie wird wohl weitersteigen, nicht nur in der Alpenrepublik.

Große Unternehmen mit immenser Bedeutung für die Infrastruktur und Attraktivität vieler Städte müssen bereits Insolvenz anmelden, und fast eine halbe Million (!) Firmen haben Kurzarbeit angemeldet.

Mit jedem Tag steigt die Zahl derer, deren berufliche Existenz vollkommen unverschuldet auf der Kippe steht. Besonders tragisch für sie ist, dass sie aufgrund der weitestgehenden Stilllegung des öffentlichen Lebens eigentlich keine Möglichkeit haben, sich in anderen Lebensbereichen Erfolgserlebnisse zu holen.

Im persönlichen Umfeld hört man von immer mehr Krebspatienten, dass sie nicht mehr behandelt, weil ihre Onkologen verpflichtet sind sich im „Corona-Standby“ zu halten.

Keiner der fast ein Dutzend Ärzte und medizinisch-technischen Gutachter, mit denen man bislang gesprochen hat, hält die massiven Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie für auch nur annähernd verhältnismäßig.

Das sind nur ein paar Beispiele für ein irrsinniges, gesellschaftliches Drama, das sich gerade ereignet. Sie lassen sich endlos weiterführen.

Großeltern und Urgroßeltern rufen täglich an. Trotz eines Negativtests ihres Enkel bzw. Urenkels haben sie weiter Angst vor physischem Kontakt zu ihm. Auf die Frage nach dem Warum kommen dann solche Antworten: „Die haben im Fernsehen gesagt man soll das nicht, sonst endet man auf einer überfüllten Intensivstation wie in Italien.“

Das entbehrt jeder Vernunft, und verdeutlicht die zwischenmenschlich, gesellschaftlich und kulturell fatalen Effekte, die durch die mediale Berichterstattung und das Auftreten europäischer Regierungspolitiker hervorgerufen werden.

Einige, die die Auswirkungen des Shutdowns selbst noch gar nicht spüren, Entrüsten sich über Vorschläge alte und vorerkrankte Menschen länger zu isolieren als jüngere. Darüber kann man eigentlich nur müde gequält lächeln. Status Quo ist nämlich, dass sie sich eingeschüchtert bereits selbst isolieren.

Mit der viel beschworenen Solidarität hat der aktuelle gesellschaftliche Wandel nämlich rein gar nichts zu tun. Der hip und dynamisch anmutende Anglizismus „Social Distancing“ ist eigentlich maximal statisch und für soziale Wesen einfach nur beklemmend.

Passender formuliert es der italienische Journalist und Dokumentarfilmer Fulvio Grimaldi. Er spricht von einer „Atomisierung der Gesellschaft“, also einer kompletten Zerlegung in ihre kleinsten Bestandteile ergo die Individuen, durch das offenkundig maximal effektive „Druckmittel Gesundheit“.

Er hat Recht und folgerichtig müssen wir uns die Frage stellen, ob wir diese Beerdigung zahlreicher zivilisatorischer Errungenschaften bezüglich transkulturell gültiger Definitionen von Gemeinschaft zugunsten einer immer dystopischer anmutenden Gesellschaft wirklich geschehen lassen wollen.

 

Schockwirkung durch Druckmittel erwünscht

Währenddessen werden die Bundesregierung und ihre, irgendwie handverlesen anmutenden Experten, es nicht müde, immer wieder einigermaßen martialisch, vor der „Ruhe vor dem Sturm“ und „Zuständen in Italien“ zu warnen.

Durch eben solche Rhetorik werden Reaktionen wie irrationale Selbstisolation von Großeltern und Urgroßeltern gegenüber ihren nachweislich negativ auf Covid-19 getesteten Enkeln und Urenkeln verantwortlich. Die Atomisierung der Gesellschaft wird so vorangetrieben.

Täglich werden, immer negativer stimmende Zahlen von Infizierten und Toten vermeldet.

Wo bleiben Meldungen über die Zahl der Genesenen?

Lange wurde es gänzlich versäumt, die Zahl der infizierten in Relation zur Gesamtzahl der getesteten Personen zu setzen. Dies geschieht nun seit zwei Wochen zumindest immer donnerstags auf der Internetseite des Robert-Koch-Instituts.

Berücksichtigt man dieses Verhältnis, kommt bislang auf Steigerungen von +0,9% (von Kalenderwoche 11 auf Kalenderwoche 12) bzw. +1,9% (von Kalenderwoche auf Kalenderwoche 13).

Diese Zahlen und ihr Graph wirken weitaus weniger bedrohlich als Meldungen von zigtausenden „Neuinfektionen“, und es ist auch nur logisch, dass die Zahl der Infizierten mit der Zahl der Getesteten ansteigt!

Tab 1
Hoffmann A, Noll I, Willrich N, Reuss A, Feig M, Schneider MJ, Eckmanns T, Hamouda O, Abu Sin M: Laborbasierte Surveillance SARS-CoV-2. Epid Bull 2020;15:5– 9 | DOI 10.25646/6627. Tab. 1, https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/15_20.pdf?__blob=publicationFile
Abb. 2
Hoffmann A, Noll I, Willrich N, Reuss A, Feig M, Schneider MJ, Eckmanns T, Hamouda O, Abu Sin M: Laborbasierte Surveillance SARS-CoV-2. Epid Bull 2020;15:5– 9 | DOI 10.25646/6627. Abb. 2 https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/15_20.pdf?__blob=publicationFile

Zudem ist der Begriff „Neuinfektionen“ irreführend, da zwischen Test und Ergebnis mehrere Tage vergehen, und zudem niemand weiß wann sich die jeweilige getestete Person tatsächlich angesteckt.

Die omnipräsenten, beängstigend steilen Wachstumskurven der Neuinfektionen sind aus dem Kontext gerissen, da sie wichtige Verhältnismäßigkeiten nicht berücksichtigen, die sie viel, viel flacher erscheinen lassen!

Auch das Durchschnittsalter der Verstorbenen und als „Coronatote“ gezählten Menschen mildert ohne entsprechende Schlagzeilen den Schrecken vor der vermeintlichen Killerseuche.

Es liegt sowohl in Italien als auch in Deutschland bei 80 Jahren. In Italien belegen Statistiken sogar, dass die Hälfte von ihnen unter durchschnittlich drei oder mehr ernsthaften Vorerkrankungen litt.

Die inflationäre Verwendung des Begriffs „Corona-Tote“ ist also eine irreführende und vollkommen unsachliche Verzerrung der Tatsachen.

Aber die „Schockwirkung“ ist seitens des Innenministeriums sogar ausdrücklich erwünscht, wie aus einem vertraulichen Strategiepapier hervorgeht. Auch hier erscheint Fulvio Grimaldis These vom „Druckmittel Gesundheit“ überaus plausibel.

 

Kein Platz für Diskurs

Zudem häufen sich gerade auffällig die Beispiele von Zensur oder persönlicher Diskreditierung jener Fachleute, die die offizielle Darstellung in Frage stellen. Prof. Dr. Sucharit Bhakdi und Prof. Dr. Stefan Hockertz sind da nur zwei von sich gerade summierenden Beispielen. Lt. Fulvio Grimaldi passierte in Italien Ähnliches mit Prof. Dr. Maria Rita Gismondo.

Die Herabsetzung von Dr. Wolfgang Wodarg vom „Experten“ und Ansprechpartner von Frontal 21 zum „Scharlatan“ und vermeintlichen Verschwörungstheoretiker innerhalb von nur 10 Tagen passen hier ins Bild.

Kleine Lichtblicke bieten zumindest die gelegentlichen TV-Auftritte von Prof. Hendrik Streeck.

 

Wie weit wollen wir dieses orwellsche Szenario noch treiben?

Angesichts solcher Ereignisse und Vorgänge, fängt man plötzlich wieder an Tracks aus der eigenen Jugend zu hören, für die man sich zwischenzeitlich lange zu reif gehalten hat; z.B. „Telling Lies“ und „Psychology“ von Dead Prez, denn Existenzängste, Depressionen und Aggressionen werden nicht nur im Umfeld sondern konkret bei sich selbst immer greifbarer.

Soloselbstständige, kleinere Mittelständler und ihre Familien spüren bereits jetzt die Folgen des Lock-Downs. Auch viele Angestellte werden sie spüren, wenn das erste Mal nur noch Kurzarbeitergeld auf dem Konto eingeht. Sollten die Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie, wie einige bereits fordern, ein halbes, ein ganzes Jahr oder womöglich noch länger aufrechterhalten werden, dann wird es auch für viele, die im Moment noch die Arbeit vom Homeoffice romantisieren, ein böses Erwachen in Arbeits- und Mittelosigkeit geben.

Gastronomen, Betreiber von Reisebüros, Zahnärzte, Zahntechnische Labore, Buchhändler, Boutiquen sind nur einige von zahlreichen Berufe, die, wie ihre Zulieferer, aktuell beinahe gänzlich verschwinden bedroht sind. Mit ihnen verschwinden ebenfalls massenweise Arbeitsplätze und Existenzen.

Wünschen wir uns einmal ebenso wie das Bundesinnenministerium „Schockwirkung“, dann können wir sagen, dass wir am Anfang des Zusammenbruchs unserer Wirtschafts- und Sozialsysteme stehen. Ein Zusammenbruch, der zwangläufig auch das Gesundheitssystem mitreißen würde, das dann auch durch keinen, noch so flachen, Kurvenverlauf mehr zu retten wäre. Wir müssten im Laufe der nächsten Jahre mit Folgen wie immensem Mittelstandssterben, Massenarbeitslosigkeit, regelmäßigen Familiendramen und ausufernden Selbstmordraten rechnen.

Befinden wir uns eher am Anfang einer Pandemie oder eher am Anfang einer dystopischen Gesellschaft? Oder beides?

Werden wir einen viel zu hohen Preis für unseren unreflektierten Gehorsam bezahlen?

Wird an uns womöglich „gerade ein Verbrechen ohne Gleichen begangen“, wie es Antoine Richard unter dem Eindruck der Erkenntnisse von Prof. Dr. Carsten Scheller in einem Facebookbeitrag ausdrückt?

Das liest sich jetzt alles wie Schwarzmalerei, Hysterie und Panikmache? Schockwirkung erwünscht!

 

Im syrischen Dorf Maaloula ist die Sprache Christi in Gefahr

Am 29. Mai 2019 veröffentlichte AFP, neben Reuters die führende europäische Presseagentur, Maher Al Mounes Bericht „Dans le village syrien de Maaloula, la langue du Christ menacée“, zu deutsch: „Im syrischen Dorf Maaloula ist die Sprache Christi in Gefahr“.

Darin geht es um den Überlebenskampf der uralten Sprache Aramäisch im Dorf Maaloula, die zur Zeit Christi Lingua Franca im Nahen Osten war, und der heute, vielleicht mehr denn je, eine eminent wichtige Bedeutung für die christliche Minderheit der Region zukommt.

Aramäisch ist in Gefahr
Über ein Buch gelehnt entschlüsselt George Zaarour mit einer Lupe Schriften auf Aramäisch. Er ist einer der letzten Spezialisten für die Sprache Christi, die die letzten 2000 Jahre im syrischen Dorf Maaloula überlebt hat, nach gegenwärtigem Stand der Dinge dort jedoch in Kürze zu verschwinden droht. „Aramäisch ist in Gefahr“, beklagt der 62-jährige Lehrer mit dem weißem Haar und dem gezeichneten Gesicht. „Wenn es so weitergeht, wird die Sprache innerhalb von fünf bis zehn Jahren verschwinden.“
In seinem kleinen Geschäft, in dem er religiöse Ikonen, Kruzifixe und Haushaltsgegenstände verkauft, hat er Bücher und Enzyklopädien über das Aramäische gesammelt. Beinahe sein ganzes bisheriges Leben verbrachte er damit, diese alte semitische Sprache zu studieren und zu übersetzen, deren erste schriftliche Spuren bis ins zehnte Jahrhundert vor Christus zurückreichen.
Heute „sprechen 80% der Einwohner von Maaloula kein Aramäisch mehr und die verbliebenen 20% sind älter als 60 Jahre“, stellt der Experte fest.

 

Ort mit großer Symbolkraft
Eingebettet in die steilen Felshänge des Qalamunberglandes, etwa sechzig Kilometer nördlich von Damaskus, befindet sich Maaloula, ein kleines Dorf mit ein paar tausend Einwohnern.
Ortseingang von Maaloula, Bild: Al Ayyam
Ortseingang von Maaloula, Bild: Al Ayyam, URL zum Bild: https://www.al-ayyam.ps/files/image/thumb/20192905071721.jpg
Der Ort ist aber mehr als einfach nur ein Dorf. Er ist ein Symbol für die Jahrtausende andauernde christliche Präsenz in der weiteren Umgebung von Damaskus. Einst war ein Besuch dort absolutes Muss für Touristen und Pilger, die begierig darauf waren Aramäisch auf Syriens Straßen zu hören und uralte Sakralbauten zu besuchen. Aber seit 2011 hat der Krieg alles verändert. Rebellen und Dschihadisten von Al Kaida brachten den Ort Ende 2013 unter ihre Kontrolle. Um Macht, Entschlossenheit und religiösen Eifer zu demonstrieren, entführten sie damals 13 christliche Einheimische.
Drei Monate später konnten diese aus der Geiselhaft der Islamisten befreit werden, also kurz bevor die syrische Regierung die Region im April 2014 von den Dschihadisten zurückeroberte.
Vor diesem Hintergrund ist es nur allzu verständlich, dass die Einwohner Maaloulas die Regierung in Damaskus eher als Befreier denn als Unterdrücker wahrnehmen.
Der Krieg hat den traditionsreichen und symbolträchtigen Ort entvölkert.
Die mehr als 6.000 Bewohnern, die dort vor dem Winter 2013 dort lebten, verließen während des Konflikts alle ihre Heimat.

Bislang wagten lediglich 2.000 von ihnen die Rückkehr. Mehr als 2/3 fanden Zuflucht in und um die Hauptstadt Damaskus oder flohen sogar ins Ausland.

Kriegsgenerationen
„Die Kriesgenerationen wurden außerhalb von Maaloula, in Damaskus oder in anderen Regionen geboren und haben dort zuerst Arabisch gelernt“, erklärt Zaarour.
Er ist Autor von dreißig Büchern und eine renommierte Persönlichkeit in den akademischen Kreisen Syriens. An der Universität von Damaskus betreute er zahlreiche Doktorarbeiten zur uralten Sprache Aramäisch. 2006 half er bei der Gründung eines Zentrums für Aramäischunterricht in Maaloula, das im Krieg geschlossen und bis dato nicht wieder eröffnet wurde. Auch heute noch übersetzt er weiterhin Texte, um Kollegen in Syrien und im Ausland bei ihrer Forschung zu helfen.
Der Bürgermeister des Dorfes, Elias Thaalab, lobt den Lehrer. „Ich denke, George Zaarour ist derzeit der einzige Lehrer und Spezialist für die aramäische Sprache in Syrien“, sagt er. „Es gibt junge Lehrer, die versuchen, die Sprache zu lernen, aber im Moment verfügt nur Zaarour über wirklich fundierte Kenntnisse“, fügt er hinzu.
„Seit mehr als 2000 Jahren bewahren wir die Sprache Christi in unseren Herzen. Wir gehören zu den letzten Menschen auf der Erde, denen die Ehre zu Teil wird sie zu beherrschen“, äußert sich der 80 jährige Bürgermeister in bewusst lyrisch angehauchter Wortwahl.
Maaloula, was auf Aramäisch „Eingang“ bedeutet, ist das berühmteste der drei Dörfer rund um Damaskus, in denen man noch immer die Sprache Jesu Christi spricht. Außerdem wird sie auch im Nordosten des Landes gesprochen, ebenso wie Syrisch / Syriakisch, eine Variation des Aramäischen, die man im deutschsprachigen Linguistenchargon auch als Mittelostaramäisch kennt.

Weitere Dialekte, die vom historischen Aramäisch abstammen, werden auch in der Türkei oder im Nordirak praktiziert, sagt der französische Nahostexperte Jean-Baptiste Yon. „Die Bewohner von Mesopotamien, Syrien, Judäa und Palästina sprachen einmal alle Aramäisch“, führt der Wissenschaftler vom französischen Institut für den Nahen Osten fort.

Von Generation zu Generation
Während die Zerstörung durch den Krieg in Maaloula insgesamt nicht so verheerend war wie in vielen anderen Teilen Syriens, traf sie hier insbesondere religiöse Stätten. Uralte Kirchen und Felsenklöster wurden von Dschihadisten geplündert und durch Artilleriefeuer bei der Gegenoffensive beschädigt, Ikonen zerstört, viele weitere, unschätzbar wertvolle Kunst- und Kulturschätze gestohlen. Seit dem Frühjahr 2014 wurden mittlerweile viele dieser Stätten restauriert und wieder aufgebaut. In der Kapelle des Klosters der Heiligen Sergius und Bacchus haben die goldenen Leuchter ihren Platz auf dem Altar aus weißem Marmor wieder gefunden.
Die überwiegende Mehrheit der typischen kleinen Häuser mit ihren Dachterrassen und roten Ziegeln bleibt jedoch leer.
Die massive Abwanderung von Maaloula wird u.a. durch die Zahl der Schüler an der einzigen Grundschule des Dorfes deutlich. Laut Verwaltungsangaben schrumpfte sie
von noch einhundert im Jahr 2010 auf weniger als dreißig im Jahr 2019. In einem Raum, in dem Kinderzeichnungen an den Wänden hängen, rezitieren Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren, hinter Holztischen sitzend, aramäische Gedichte unter dem wachsamen Augen und Ohren ihrer Lehrerin Antoinette Mokh.
Um das Überleben der Sprache zu sichern, erhalten die Schulkinder jetzt eine Aramäischstunde pro Tag.
„Das Aramäische wird in Maaloula von Generation zu Generation weitergegeben. Der Sohn lernt die Sprache des Vaters, der sie selbst vom Großvater als Sprache des Hauses einst näher gebracht bekam“, sagt die Lehrerin. „Diese Kinder aber wurden in Jahren des Exils außerhalb von Maaloula geboren.“
Im Alter von nun 64 unterrichtet sie seit mehr als einem Vierteljahrhundert. „Ich kann meinen Job nicht aufgeben und in Rente gehen. Es würde keinen Ersatz geben.“

 

 

Quelle:

 

Als Vardans Duduk erklang, stand in Straßburg die Zeit still

Als am gestrigen Sonntag, den 16. Dezember 2018, im Rahmen einer Trauerfeier für die Opfer des Terroranschlags vom Dienstag, den 11. Dezember 2018 das armenische Nationalinstrument Duduk erklang, war es beinahe so, als stünde für einige Minuten die Zeit still auf dem Place Kléber in Straßburg.

Von jenem Platz aus, nahm am vergangenen Dienstag Abend der Schrecken seinen Lauf, als der Attentäter, der Salafist Chérif Chekatt, den afghanischstämmigen Automechaniker und Familienvater Kamal Naghchband, die Rentnerin und ehemalige Bankangestellte Pascal Verdenne, einen thailändischen Touristen, den italienischen Journalisten Antonio Megalizzi und seinen Begleiter und Freund, den polnischstämmigen straßburger Kulturschaffenden „Bartek“ Barto Pedro Orent-Niedzielski erschoß sowie einen Musiker aus den Vogesen, eine Studentin aus Metz und die Tochter eines Käsereibesitzers aus der Straßburger Innenstadt schwer verletzte.

Auf dem Sender „FranceInfoTV“ ließ ein Kommentator seinen Emotionen freien Lauf und verglich, merkbar ergriffen von den Dudukklängen des Musikers „Vardan“, die Opfer des Terrors auf dem Christkindelsmärik, wie der Weihnachtsmarkt in Straßburg im elsäßischen Dialekt genannt wird, mit den Opfern des Völkermords an den Armeniern im osmanischen Reich vor rund 100 Jahren.

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Das Liebfrauenmünster zu Straßburg bei Nacht im Mai 2018. Foto: Julian Tumasewitsch Baranyan

 

Die Geige weint

Am 09. und 10. November 2018 gedenken wir zum 80. Mal der Novemberpogrome von 1938.

Aus diesem Anlass wird im Folgenden das Lied „Le violon pleure“ von Frédéric Lerner vorgestellt.

Es handelt von Abschied, Deportation und der Gefühlswelt Deportierter.

Interessant ist die Zeile „Codename Dora“. Das am Beitragsende verlinkte Video sieht in dieser Zeile einen Hinweis auf das KZ Mittelbau-Dora Das ergibt durchaus im Kontext der ersten und zweiten Strophe Sinn.

Vor dem Hintergrund der drei Schlusszeilen, ergibt es auch einen Sinn, dass Lied in einem leichtem Bezug zum gleichnamigen, stark autobiografischen Roman des ungarischen Widerständlers Sándor Radó zu sehen.

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Foto: Arkady Mazor / Shutterstock.com http://image.shutterstock.com/display_pic_with_logo/64452/112920364/stock-photo-israel-circa-an-old-israeli-postage-stamp-of-the-series-the-kristallnacht-with-112920364.jpg

Der Text:

Ein Foto, ein altes schwarz-weiß Foto,

auf seiner Rückseite auf den 21. Dezember im Winter 1943 datiert.

Codename: Dora,

1000 Mäntel, Koffer und Hüte marschieren in Reihen wie eine Herde.

Wissen sie wirklich, was sie erwartet?

Sicherlich eine Veränderung!

Hör‘ ihr zu, seiner Geschichte!

Hör‘ dieser Geige zu, wie sie weint!

Im Namen der Erinnerung,

hör‘ seinen Schmerz (über die Saiten) fideln!

Und mag das Holz (des Instruments) auch altern,

seine traurige Musik bleibt in ihm eingeschlossen.

Ein Mann lächelt,

also wolle er seiner Geliebten Danke sagen.

Hat er verstanden,

dass es Reisen gibt, von denen man nicht wiederkommt;

Züge nach Nirgendwo!

Er möchte bei bleiben,

sie einfach umarmen,

so wie sie geboren sein,

sich nicht mehr verstecken müssen,

sein Leben teilen

und seine Freunde wieder sehen;

Adan, Noa, Elie…

Hör‘ ihr zu, seiner Geschichte!

Hör‘ dieser Geige zu, wie sie weint!

Im Namen der Erinnerung,

hör‘ seinen Schmerz (über die Saiten) fideln!

Und mag das Holz (des Instruments) auch altern, seine traurige Musik bleibt in ihm eingeschlossen.

Dann kam das Echo, das Ende des Ghettos!

Einige Sterne auf einer Flagge!

Aber seine, die er so hoch hielt, wurde ihm zum Verhängnis.

Persecuted Minorities First! US-Regierung verstärkt Hilfe für Iraks Christen, Yeziden und Schiiten!

Immer mehr grausige Details der Schreckensherrschaft des Islamischen Staats kommen derzeit nach und nach ans Licht. Anfang der Woche fand man im Irak in den Regionen Anbar, Kirkuk, Salahuddin und Nineve mehr als 200 Massengräber mit ca. 12.000 Leichen. Sie stammen aus der Zeit von 2014 bis 2017, als diese Regionen sich unter der Kontrolle des IS befanden. Das Büro des UNO-Hochkommissariats für Menschenrechte sprach wortwörtlich von einem „Vermächtnis des Terrors“.

Bei den Opfern handelt es sich meist um Angehörige der christlichen (hauptsächlich syrisch-orthodoxe sowie chaldäische Christen aber auch einige Angehörige armenischer Kirchen) und yezidischen Minderheiten sowie um schiitische Muslime.

Laut Berichten der UN, Open Doors und lokaler Beobachter aus den Jahren 2014 und 2016 wurden in diesem Zeitraum mehrere tausend Yeziden, irakische Christen und Schiiten getötet sowie insgesamt eine weitere halbe Million verschleppt oder vertrieben.

Im Februar 2016 hatte die Europäische Union, einen Monat später gefolgt von den USA, die Verbrechen des IS gegen diese Religionsgemeinschaften als Völkermord eingestuft.

Yezidin Nadia Murad ist wahrscheinlich das prominenteste Opfer der Verbrechen des IS.

Am 5. Oktober wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. Bereits zwei Jahre zuvor wurde sie zur Sonderbotschafterin der UNO ernannt.

Schon wenige Wochen vor der Entdeckung dieses Terrorvermächtnisses war es ausgerechnet die, in Deutschland verpönte, US-Regierung von Präsident Donald Trump, die eine Verdopplung der Hilfszahlungen an die betroffenen Minderheiten sowie weitere Schritte zu deren Unterstützung angekündigt hatte. Einrichtungen und Organisationen mit Sitz in den kurdischen Metropolen Erbil und Dohuk kommt dabei eine besondere Rolle zu.

 

Kritik an mangelhafter Umsetzung

Letztes Jahr hatte US-Vizepräsident Mike Pence versprochen, dass verfolgte Christen im Irak über die US-amerikanische Agentur für Internationale Entwicklung (USAID) und durch, in der Region aktive, religiöse Organisationen direkte Hilfe erhalten sollen.

Ein Jahr später haben USAID, das US-Außenministerium und einige Mitglieder des Kongresses ihre Bemühungen verstärkt, um sicherzustellen dass Hilfe aus den USA wirksam und gezielt, bevorzugt den dezimierten christlichen Gemeinschaften im Irak zu Gute kommt.

Allerdings beklagen einige bedeutende christliche Würdenträger in der Region, dass die Bemühungen der US-amerikanischen Hilfsorganisationen nachgelassen haben.

Seit dem Jahr 2003 ist die christliche Bevölkerung des Irak von 1,5 Millionen Menschen auf 200.000 geschrumpft.  Der chaldäische Erzbischof Habib Nafali erklärte kürzlich in einem Interview mit dem katholischen Nachrichtendienst CNS, dass eine weitere Verfolgungswelle nach 2000 Jahren das Ende für Iraks Christen, eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt, bedeuten würde.

Wichtige chaldäische Geistliche begrüßten den Schritt, kritisierten aber die bislang mangelhafte Umsetzung.

Der chaldäische Erzbischof Bashar Warda sagte gegenüber dem NC Register im Juni, dass sich die Hilfssituation seit dem ersten Versprechen des US-Vizepräsidenten sogar verschlechtert habe. Dabei kritisierte er Probleme bei der Entscheidungsfindung durch USAID-Beamte, wenn es darum ginge die Hilfszahlungen zu verwalten. USAID würde Projektvorschläge örtlicher Kirchen ohne weitere Erklärung ablehnen, so Erzbischof Warda weiter.

Ebenfalls heftige Kritik kam jüngst von Raphael Sako, dem Patriarchen der chaldäischen Kirche. Mitte Oktober erst ordnete er auf der Jugendsynode des Vatikan die US-Hilfe als ineffektiv ein, und sagte wortwörtlich: „bislang kam [von der US-Regierung] nichts, was diesen Menschen die Rückkehr in ihrer Heimat ermöglichen würde.“

 

300 Millionen US-Dollar für verfolgte Minderheiten

Jedoch, kündigte USAID noch am Tag der Kritik Sakos an, mehr als 178 Millionen US-Dollar (ca. 156 Millionen Euro) US-Auslandshilfe zur Unterstützung irakischer Christen und anderer bedrohter Gemeinschaften des Landes zur Verfügung zu stellen. Insgesamt würden sich die Hilfszahlungen somit auf beinahe 300 Millionen US-Dollar (ca. 263 Millionen Euro) belaufen, hieß es seitens USAID und des US-Außenministeriums.

Mark Green, Verwalter von USAID, sagte auf der Synode gegenüber der Presse, dass er die Kritik von Kardinal Sako nicht nachvollziehen könne. Als Reaktion auf seine Kritik traf er sich mit ihm im Vatikan, um einen Fortschrittsbericht zu erarbeiten und vorzulegen.

In einem Interview mit Lauren Ashburn vom, weltweit größten, katholischen TV-Sender EWTN berichtete Green am 17. Oktober von seinem Treffen mit Kardinal Sako. Gegenüber Ashburn und EWTN gab Green an, er habe Sako „auf eine Menge guter Nachrichten aufmerksam gemacht“ und fügte hinzu: „Ich glaube, er hat sich darüber sehr gefreut.“

Green betonte außerdem: „Was wir versuchen, ist die Zusammenarbeit mit Gruppen vor Ort, und nicht nur in Rom oder Washington, sicherzustellen. […], sodass wir unsere Ressourcen möglichst effektiv mobilisieren und einsetzen können, aber auch um nachweisbare Ergebnisse zu erzielen.“

Nachdem bekannt wurde, dass Nadia Murad der Nobelpreis verliehen wird, hatte derselbe Mark Green die Yezidin auf Twitter als „Heldin in einer Welt, die durch bewaffnete Konflikte auseinandergerissen wird“ und „Inspiration zur Erfüllung der moralischen Pflicht, Kinder zu beschützen“  bezeichnet.

 

Strukturelle Hilfe vor Ort

USAID-Sprecher Clayton McCleskey betonte gegenüber dem NC Register einige aktuelle Fortschritte, die die Organisation bei der Unterstützung der christlichen Gemeinschaften im Irak vor Ort gemacht habe.

Er verwies diesbezüglich auf die Ernennung eines neuen „Sonderbeauftragten für Minderheitenhilfe“ durch Green. Max Primorac, der in Erbil (Nordirak / Südkurdistan) ansässig ist, habe ausdrücklich den Sonderauftrag, mit lokalen Führungspersönlichkeiten und ihren Gemeinschaften in Kontakt zu treten, um so sicherzustellen, dass die US-Hilfe wirklich diejenigen erreicht, die sie am dringendsten benötigen.

Erst zu Anfang der zweiten Hälfte des Monats Oktober ermöglichte USAID die Wiedereröffnung der Straße in die chaldäisch-christliche Stadt Batnaya in der Ninive-Ebene. Durch diese infrastrukturelle Maßnahme soll die Rückkehr der Christen in ihre Heimatstadt erleichtert werden. Ein großer Teil der ursprünglichen Bevölkerung befindet sich weiterhin in den Nachbarstädten. Wie alle Nicht-Sunniten der Region, wurden sie vertrieben, als der IS im August 2014 die Ninive-Ebene stürmte und eroberte.

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Im Frühjahr 2017 empfing Nêçîrvan Barzanî, Ministerpräsident der Autonomen Region Kurdistan, in Erbil mehrere christliche Delegationen, um mit ihnen darüber zu beraten, wie das Überleben ihrer Gemeinschaften im Irak gewährleistet werden kann. An diesem Treffen nahm auch der namhafte libanesische Politiker Gebran Bassil teil. Einen Bericht über das Treffen betitelte Agora Leaks mit diesem Bild. (siehe: https://agoraleaks.com/?p=15198)

Erzbischof Warda hatte noch im Juni in seinem Interview mit dem NC Register die Unzugänglichkeit der Stadt besonders bedauert. Nun lobte er USAID und die anderen Organisationen, die mit den, am Wiederaufbau beteiligten, Parteien kooperieren.

McCleskey hob auch ein kürzlich herausgearbeitetes „Memorandum of Understanding“ (MOU) zwischen den „Kolumbusrittern“ und USAID hervor. Darin vereinbaren die beiden Gruppen eine Zusammenarbeit auf internationaler Ebene. Das Memorandum sieht vor, hilfsbedürftige Bevölkerungsgruppen gezielt zu ermitteln und ihnen zu helfen, lokale Akteure einzubinden, den Pluralismus zu fördern und gemeinsame Schritte zur Verhinderung künftiger Gräueltaten zu unternehmen.

Joseph Cullen erklärte, stellvertretend für die Kolumbusritter, gegenüber dem Register, dass die Gruppe mehr als 700.000 US-Dollar für Projekte zur Verfügung stellt, die gemeinsam mit USAID entwickelt wurden, und speziell an die Bedürfnisse irakischer Christen und anderer religiöser Minderheiten angepasst sind.

Er sagte, die Mittel würden es ermöglichen den, vorwiegend yezidischen, Binnenflüchtlingen in Dohuk psychosoziale Dienste zur Seite zu stellen. Darüber hinaus soll daraus ein Zentrum für Eigentumsrechte an der katholischen Universität von Erbil mitfinanziert werden, das Christen und Yeziden dabei unterstützt ihre Eigentumsrechtsansprüche geltend zu machen. Ebenfalls sollen die Hilfsgelder dazu dienen, christliche Friedhöfe zu restaurieren, die der IS sowohl im Norden als auch im Süden der Ninive-Ebene zerstört und entweiht hat.

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Christliche Frauen im Irak demonstrieren im Juni 2017 für Religionsfreiheit und besseren Schutz ihrer Religionsgemeinschaft. Sie tragen Transparente mit dem arabischen Buchstaben „ن“. Er entspricht dem lateinischen „N“ und steht für „Nasrani“ („Nazarener“), wie arabische Muslime Christen bezeichnen. In Zeiten der IS-Herrschaft über die Ninive-Ebene und Mosul markierten die sunnitischen Fundamentalisten Häuser von Angehörigen der christlichen Minderheiten mit diesem Buchstaben. Wessen Haus markiert war, hatte die Wahl zwischen Tod, Vertreibung, Konversion zum Islam oder Zahlung einer „Schutzsteuer“, der sog. „Dschizya“. Bild: Baghdad Today Direktlink: http://baghdadtoday.news/MediaStorage/GalleryImages/6126.jpg?watermark=4

 

Gesetz soll humanitäre Priorität verfolgter Minderheiten garantieren

Während die Trump-Administration bestrebt ist, ihre Partnerschaften vor Ort auszubauen, um die Versorgung mit Direkthilfe dort zu gewährleisten, wo sie am dringendsten benötigt wird, plädieren einige Kongressabgeordnete bereits für zusätzliche Lösungen, um verfolgte Minderheiten im Irak langfristig zu unterstützen.

Der republikanische Abgeordnete Jeff Fortenberry aus dem US-Bundesstaat Nebraska hatte Anfang des Monats Oktober eine Resolution in das Plenum eingebracht, in der die USA aufgefordert werden, „einen koordinierten und umsetzbaren Plan für eine Stabilisierungs- und Sicherheitsmission in der Region zu entwickeln“ und „reguläre nationale militärische Strukturen“  zu trainieren und auszubilden, zu denen auch „regionale christliche und yezidische Sicherheitskräfte“ gehören sollen.

Fortenberry teilte dem NC Register mit, dass die Sicherheitsresolution ein „besonderes Augenmerk auf die Notsituation unterdrückter religiöser Minderheiten im Irak legt, die immer noch im Begriff sind sich vom Völkermord durch den IS zu erholen.“

Fortenberry war bereits im Juli in den Irak gereist, um die Effektivität der US-Hilfsmaßnahmen zu begutachten und auszuwerten. Dazu sagte er, dass Änderungen vorgenommen wurden, und man dabei sei, den Weg für eine direktere Versorgung zu ebnen, was zum Wohle aller Beteiligten geschehe.

Er betonte jedoch gleichzeitig, dass eine, von der internationalen Gemeinschaft initiierte aber von den Irakern selbst umgesetzte, Sicherheitsvereinbarung unbedingt erforderlich sei, um die Nachhaltigkeit der Wirtschaftshilfe zu gewährleisten.

Ein weiteres wichtiges Kernstück der Reformbemühungen, die darauf abzielen den Opfern des IS im Irak zu helfen wurde am 11.Oktober einstimmig vom US-Senat verabschiedet. Um zu geltendem Recht zu werden, fehlt nun noch die Unterschrift durch US-Präsident Donald Trump, was allerdings reine Formsache sein dürfte.

Der, vom Republikaner Chris Smith eingebrachte, Entwurf für ein „Hilfs- und Verantwortungsgesetz zum Völkermord im Irak und Syrien“ verpflichtet die USA bei der Zuteilung von Hilfsgütern und -leistungen dazu, die Opfer des IS zu bevorzugen. Außerdem nimmt es das US-Außenministerium in die Pflicht, Beweise für den Völkermord des IS an den Minderheiten des Irak  zu sammeln, sowie die Bemühungen anderer Staaten bei der Verfolgung der Verantwortlichen und Hintermänner dieses Genozids zu unterstützen.

Smith teilte dem NC Register mit, dass die Verabschiedung seiner Gesetzesvorlage ein bedeutender Schritt nach vorne sei, um sicherzustellen, dass die US-Politik allen Opfern des IS-Völkermords hilft und niemanden außer Acht lässt.

Er sagte außerdem: „Da die USA aktuell daran arbeiten, Obamas Politik zu korrigieren, die diese Gemeinschaften von Hilfsleistungen ausgeschlossen hat, ist die Verabschiedung meines Gesetzesentwurfs durch den Kongress  ein klarer Auftrag an die Regierung. Er beinhaltet die Bereitstellung von humanitärer und infrastruktureller Aufbauhilfe, um so das Überleben der Minderheiten in Zukunft zu gewährleisten. Außerdem sollen jene zur Rechenschaft gezogen werden, die für die Grausamkeiten verantwortlich sind.“ 

Alles in allem ist Smith zuversichtlich, dass die Bemühungen der USA für die Region auf dem richtigen Weg sind.

Smith fügte hinzu: „Ich werde weiter Gespräche mit der Regierung führen, um sicherzustellen, dass die US-Hilfe auch die Überlebenden des ISIS-Völkermords erreicht, welche sie dringend brauchen. Alles, was ich in letzter Zeit gesehen habe, deutet darauf hin, dass die USA tatsächlich auf dem richtigen Weg sind, um den Bedürfnissen von Christen und anderen Überlebenden des Völkermords im Irak gerecht zu werden. Die Not und allgemeine Bedürftigkeit dieser Gemeinschaften sind groß, aber wir haben alles in die Wege geleitet, um unser Versprechen zu erfüllen, Katastrophenhilfe bereitzustellen.“

Darüber hinaus soll Smith‘ Gesetzesinitiative es Angehörigen religiöser Minderheiten, die vom IS verfolgt werden, leichter machen, als Flüchtlinge in die USA einzureisen. Um den Grundstein dafür zu legen, beschreibt das Gesetz sie als von „besonderer humanitärer Wichtigkeit für die Vereinigten Staaten“. Diese Priorisierung ist auch eine radikale Wende gegenüber der Politik des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der Minderheiten außer Acht ließ, und stattdessen sunnitischen Muslimen aus Syrien bevorzugten Flüchtlingsstatus verlieh.

 

Bundesregierung: 50 Millionen Euro nach Idlib statt für verfolgte Minderheiten

Währenddessen hat die deutsche Bundesregierung kurz nach dem Syriengipfel in Istanbul Ende Oktober angekündigt, der syrischen Opposition in Idlib knapp 50 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Zwar betont man seitens Berlin die Empfänger der Zahlungen seien humanitäre und zivile Organisationen, und man wolle „engmaschig überwachen“, dass nicht auch extremistische Kräfte von den Geldern profitieren. Kenner der Region halten das für unrealistisch, weil es außerhalb der Kurdengebiete de facto keine oppositionelle Kraft in Syrien gibt, die nicht mindestens logistisch und infrastrukturell von dschihadistischen Milizen abhängig sind. In der Region Idlib sieht es aktuell so aus, dass sie zu über der Hälfte vom, Al-Kaida-Ableger und Al-Nusra-Nachfolger Hayat Tahrir asch-Scham, kurz HTS, kontrolliert wird. Den Rest der nordwestlichsten Provinz Syriens kontrollieren Milizen, die der Türkei nahe stehen.

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Selbst wenn man letztgenannte nicht immer zwangsläufig und generell als dschihadistisch bezeichnen kann, darf kein Zweifel darüber bestehen, dass ihre Agenda gegenüber jenen Minderheiten, die nun im Irak von den Bemühungen der USA profitieren, und die auch in Syrien beheimatet sind, diskriminierend und feindlich ist.

Vergleicht man also das angekündigte, zwischen Anspruch und Wirklichkeit unstimmige und widersprüchliche, Wirken der deutschen Bundesregierung in Idlib mit der, nahezu zeitgleich beschlossenen, Verstärkung des Engagements der USA für verfolgte Minderheiten im Irak, so muss eine logische Schlussfolgerung sein, weit verbreitete Gut-Böse-Schemata der Außenpolitik und außenpolitischen Berichterstattung ganz massiv zu hinterfragen.

Medienmacher, die sich gefühlt wöchentlich an Tweets des US-Präsidenten abarbeiten, denen aber gleichzeitig notwendige und konsequente Schritte seiner Regierung zum Minderheitenschutz im Krisengebiet nicht einmal eine Randnotiz wert sind, sollten ihre Berufswahl in Frage stellen.

Und wenn es die Bundesregierung mit ihrer humanitären Selbstinszenierung tatsächlich ernst meint, täte sie in diesem Fall besser daran dem Beispiel der USA zu folgen.

Minderheiten, die das Vermächtnis des IS-Terrors am schwersten getroffen hat, besondere humanitäre Priorität einzuräumen, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein!

 

Belege:

Geiselnahme als Bestandteil türkischer Staatsdiplomatie

Am Wochenende des 13. / 14. Oktober 2018 kam der evangelikale US-Pastor Andrew Brunson nach zwei Jahren aus türkischer Haft frei.

Dem Fall ging ein monatelanges, diplomatisches Tauziehen voraus.

Ob es zu Gegenleistungen seitens der USA für die Freilassung kam, ist nicht ganz klar. Hier widersprechen sich die Statements Ankaras und Washingtons, ohne dabei aber Konkretes preiszugeben.

 

Fakt ist aber in jedem Fall, dass die Taktik der AKP nicht aufgegangen ist, und Trump im Clinch mit  Erdoğan mindestens einen klaren Punktsieg landen konnte.

Was war passiert, und in welchen größeren Kontext sind die Geschehnisse einzuordnen?

 

Alibivorwurf um systematische Verfolgung durchzuführen

Im August 2018 kündigte US-Präsident Trump verärgert an, Sanktionen gegen die Türkei und gegen den türkischen Innen- und Justizminister verhängen zu wollen.

Was war der Grund für Trumps Wut?

Sie wurde ausgelöst durch die Weigerung Ankaras, Andrew Brunson aus der Haft zu entlassen.

Andrew Craig Brunson ist ein Pastor, der vor zwei Jahren in der Türkei wegen „Unterstützung terroristischer Organisationen“ verhaftet wurde.

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Pastor Adrew Craig Brunson saß zwei Jahre lang in der Türkei in Haft, Bild gefunden auf yekirmedia.am (http://yerkirmedia.am/wp-content/uploads/2018/07/endrew-brunson-turkey3-1.png)

Ende Juli diesen Jahres durfte er nach zwei Jahren Untersuchungshaft in seine Wohnung zurückkehren, stand aber danach bis Mitte Oktober unter Hausarrest.

Dem Leiter der evangelikalen Wiederauferstehungskirche im westtürkischen Izmir wird zum Einen vorgeworfen, er habe als Teil der Hizmetçi-Bewegung um, den islamischen Prediger und ehemaligen Weggefährten des türkischen Machthabers Erdoğan, Fetullah Gülen, den vermeintlich versuchten Staatsstreich im Juli 2016 unterstützt.

Hier handelt es sich um eine Art Alibivorwurf, der seit dem Sommer vor zwei Jahren als Vorwand für eine systematische Verfolgung ebenfalls von oppositionellen Politikern, Aktivisten und Journalisten dient.

Seit Anfang September teilt beispielsweise der linke, österreichische Journalist Max Zirngast dieses Schicksal.

U.a. der Fall des, in Berlin lebenden, Adil Öksüz zeigt darüber hinaus, dass die Verfolgung unter genanntem Vorwand nicht an den türkischen Grenzen Halt macht.

Brunson wurde außerdem vorgeworfen, die „Gründung eines christlich-kurdischen“ Staates propagiert zu haben.

Akteneinsicht wurde der US-Regierung auf Nachfrage verweigert. Die türkische Seite berief sich in seinem Fall offenbar lediglich auf einen, geheim gehaltenen, Belastungszeugen.

Seinerzeit, reagierte Erdoğan persönlich auf die Sanktionsdrohung seitens Washingtons.

Er ließ sinngemäß verlauten, man würde sich von dieser „Drohsprache“ in „evangelisch-zionistischer Mentalität“ nicht beeindrucken lassen.

Tatsächlich schien es dem AKP-Regime weniger um Brunson zu gehen, als vielmehr um Gülen persönlich, der im US-Bundesstaat Pennsylvania im Exil lebt.

Die Botschaft an das Weiße Haus lautete offensichtlich: „Ihr könnt euren Pastor haben, wenn ihr uns unseren Prediger ausliefert“.

 

Minderheiten sind Dauergeiseln Ankaras

Geiselnahme als Druckmittel zu benutzen, ist in der türkischen Diplomatie seit 97 Jahren Normalität.

Im Fall Deniz Yücel forderte Ankara die Auslieferung mehrerer türkischer Offiziere, die nach Deutschland geflüchtet waren und dort um Asyl ersucht hatten.

Das AKP-Regime wendete diese Taktik ebenfalls im Falle zweier, im März inhaftierter, griechischer Soldaten an. Sie sollten nur frei kommen, falls Athen im Gegenzug der Auslieferung von acht türkischen Soldaten zustimmt, die im Juli 2016 mit einem Hubschrauber ins griechische Alexandroupolis geflüchtet waren.

Die, in der Türkei lebenden, griechischen, armenischen und jüdischen Minderheiten wurden im Laufe der Geschichte vom türkischen Staat immer wieder als Geiseln bzw. Druckmittel missbraucht. Die religiösen und kommunalen Führer dieser drei Minderheiten werden dabei stets unter Druck gesetzt, der Regierung ihre Treue zu erklären, obschon ihre Gemeinschaften unter offen diskriminierenden Bedingungen leiden, von Gesetzeswegen benachteiligt sind, und durch staatlich propagierten  Geschichtsrevisionismus gedemütigt werden.

In Krisenzeiten wächst der Druck auf Geiseln besonders stark an. Jüngst zeigte die Affäre um Pastor Brunson dies wieder einmal besonders deutlich.

Kurz nachdem Trump die Freilassung des Pastors verlangte, führte ein Berater Erdoğans alle religiösen Führer der genannten Minderheiten, also den armenischen und griechischen Patriarchen sowie den jüdischen Oberrabbiner, der Presse vor.

Im Rahmen dieser, im wahrsten und doppelten Sinne des Wortes, Vorführung, unterzeichneten sie eine Erklärung, dass „Minderheiten in der Türkei glücklich leben sowie völlig frei und ohne jeglichen Druck ihre Religions- und Bürgerrechte ausüben können“. Obwohl es zugegebenermaßen auch Fälle gibt, in denen der Staat nicht einmal Druck aufbauen muss, sondern ihm einfach nur das Stockholm-Syndrom in die Hände spielt, sprechen der Zeitpunkt und die Umstände der Präsentation dieser Erklärung Bände.

Das Gegenteil dessen, was in ihr so krass überbetont wird, ist nämlich der Fall.

Dieses Muster wiederholt sich immer und immer wieder in der Geschichte der Türkei.

Während der Zypernkrise in den 1960er und 1970er Jahren musste der griechische Patriarch in Istanbul seine Landsleute verurteilen, und die türkische Invasion im Norden der Insel loben.

Als der deutsche Bundestag 2016 den Völkermord an den Armeniern und die besondere deutsche Mitverantwortung dafür anerkannte, verurteilte der amtierende armenische Patriarch von Istanbul diese Entscheidung, und verteidigte die türkische Staatsdoktrin der Geschichtsfälschung.

Wenn Israel Schritte gegen Palästinenser oder Muslime im Allgemeinen unternimmt, bezahlt die jüdische Minderheit in der Türkei dafür. Staatlich mindestens geduldete Angriffe und Vandalismus gegen jüdische Synagogen, Geschäfte und Häuser finden in der Türkei regelmäßig statt, wenn die, mittlerweile überwiegend von der AKP kontrollierten, Medien über den Nahostkonflikt berichten. Wenn dieselben Medien Griechenland vorwerfen, seine muslimischen Bürger, vor allem die westthrakischen Türken, ungerecht zu behandeln, muss die kleine griechische Minderheit in Istanbul ebenfalls jene subtile Form von staatlicher Verfolgung fürchten.

Manchmal wird auch eine Geisel gegen die andere Geisel, bzw. eine Minderheit gegen die andere, ausgespielt. Als Armenier weltweit begannen, für die parlamentarische Anerkennung des Völkermords an ihren Vorfahren einzutreten, wurden führende Persönlichkeiten der Istanbuler Juden unter Druck gesetzt, um bei jüdischen Parlamentariern diverser Staaten und anderen einflussreichen politischen Führern aktiv zu intervenieren, um die Völkermordsanerkennung zu stoppen. Die Führungspersönlichkeiten der jüdischen Minderheit in Istanbul beispielsweise wurden vom türkischen Staat gedrängt, wichtige Institutionen und Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinschaft in den USA dafür zu gewinnen, gegen armenische und griechische Interessengruppen zu arbeiten.

 

Ein Brite war mehr wert als Gerechtigkeit für die Hinterbliebenen von drei Millionen Leichen

Aber der offensichtlichste und schmerzhafteste Fall von Geiselnahme in der Geschichte türkischer Staatsdiplomatie betrifft die politischen Drahtzieher des Völkermords an den Armeniern und weiteren Minderheiten.

Als der Erste Weltkrieg 1918 mit der Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten, darunter auch das Osmanische Reich, endete, eroberten die siegreichen Alliierten Istanbul und andere Regionen der heutigen Türkei.

In Zusammenarbeit mit den britischen Besatzungstruppen verfolgte die neue osmanische Regierung die Anführer des, von 1908 bis 1918 herrschenden,  Komitees für Einheit und Fortschritt (İttihat ve Terakki Cemiyeti) strafrechtlich vor Ort wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Massakern an ihren armenischen Bürgern. Die türkische und britische Polizei begann damit, Dutzende von führenden Ittihadisten festzunehmen, insofern sie nicht bereits geflohen waren. Wesentliche Hauptverantwortliche, wie Talaat, Enver und Cemal oder Dr. Mehmed Nâzım Bey, Dr. Mehmet Cemal Azmi Bey und Baheddin Cakir hatten sich bereits ins Ausland absetzen können. Sie wurden damals in zwei Prozessen in Istanbul in Abwesenheit zum Tode verurteilt.  Zwei, ebenfalls zum Tode verurteilte, Beamte niedrigeren Ranges, wurden im April 1919 auf dem Beyazid-Platz in Istanbul hingerichtet. Die türkische Öffentlichkeit war erbittert dagegen. Angesichts der zunehmenden Proteste gegen die Vollstreckung von Urteilen dieser Istanbuler Kriegsverbrecherprozesse, beschlossen die Briten alle inhaftierten Ittihadisten auf die britische Kolonie Malta im Mittelmeer zu bringen, um dort die Prozesse fortzusetzen. Fast 150 ehemalige osmanische Führungsfiguren wurden auf Malta interniert. Beinahe alle von ihnen waren aktiv an Massakern und Deportationen von Armeniern aus verschiedenen Regionen Anatoliens beteiligt. Einige hatten es zu beträchtlichen Vermögen gebracht, die sie gestohlenem Eigentum, Besitz und Land von ermordeten oder deportierten Armeniern verdankten.

Zwischenzeitlich hatte in Anatolien die türkische Widerstandsbewegung unter Mustafa Kemal „Atatürk“ begonnen. Die Istanbuler Regierung galt ihr als Marionettenregime, das den alliierten Besatzungstruppen gegenüber zu wohlwollend eingestellt war. Mustafa Kemal und die neu gebildete Regierung in Ankara forderten die Freilassung der, auf Malta gefangenen, Ittihadisten. Die Alliierten hatten damals den britischen Oberst Rawlinson in die Türkei geschickt, um die Situation in Ostanatolien im Vorfeld der Friedensverhandlungen von Sèvres zu beurteilen. Rawlinson hatte sich mit Mustafa Kemal, sowie weiteren militärischen und politischen Schlüsselfiguren seiner Widerstandsbewegung getroffen. Der britische Oberst war mit der Nichte von Lord Curzon verheiratet. Dieser wiederum war britischer Außenminister und Hauptentscheidungsträger bei den Friedensverhandlungen. Atatürk verstand schnell, dass Rawlinson ein „wertvoller Fang“ für die Durchsetzung seiner Interessen sein könnte, und entschloss sich, ihn zu verhaften. Rawlinson diente als Faustpfand, um die gefangenen Kriegsverbrecher von Malta freizupressen. Nach mehreren Verhandlungsrunden begann der britische Entschluss, die maltesischen Gefangenen festzuhalten und ihnen den Prozess zu machen, zu bröckeln.

Die Taktik der Geiselnahme brachte Atatürk einen diplomatischen Erfolg ein, als Lord Curzon schließlich erklärte: „Ein Brite ist mehr wert als eine Schiffsladung von Türken.“

Eine irreführende Formulierung!

Aufgrund der Entscheidung, die er verkündete, hätte der Satz eigentlich: „Ein Brite ist wertvoller als Gerechtigkeit für  3 Millionen armenische, assyrische, aramäische, griechische und yezidische Leichen.“  lauten müssen.

Die Briten vereinbarten einen Gefangenenaustausch mit der türkischen Widerstandsbewegung. Zusammen mit 20 weiteren Kriegsgefangenen kam Oberst Rawlinson frei. Im Gegenzug kamen die 121 Ittihadisten ebenfalls frei. Im Oktober 1921 wurden die Gefangenen im Schwarzmeerhafen der Kleinstadt İnebolu gegeneinander ausgetauscht. Mit der Ausnahme von Oğuz Bey, der am 9. Februar 1920 in Istanbul zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde,  wurden die befreiten Funktionäre des Komitees für Einheit und Fortschritt nie juristisch für ihre Kriegsverbrechen und ihre Rolle beim Völkermord an den Armeniern und anderen Minderheiten zur Rechenschaft gezogen. Auslieferungsgesuche an Deutschland, Italien oder die Erste und Zweite georgische Republik, wohin sich die, zum Tode verurteilten, Hauptverantwortlichen des Völkermords abgesetzt hatten, wurden ebenfalls nie gestellt.

Die staatliche Politik der Geiselnahme, die Leugnung historischer Verbrechen und die Repressionspolitik gegen Minderheiten und Oppositionelle haben spätestens seit dieser Zeit einen festen Platz in der Politik und Diplomatie türkischer Regierungen.

 

Merkel kniet vor Erdoğan, Trump spielt ihn aus

Wie effektiv Geiselnahme als Bestandteil türkischer Staatsdiplomatie nach nunmehr fast 100 Jahren immer noch funktioniert, konnte man bei der Pressekonferenz im Rahmen von Erdoğans Staatsbesuch in Deutschland Ende September eindrucksvoll beobachten. Ein türkischer Fotoreporter trug ein T-Shirt mit der Aufschrift «Freiheit für Journalisten in der Türkei». Für diese, eigentlich vollkommen selbstverständliche, Forderung wurde er, ganz nach dem Geschmack des türkischen Machthabers und ohne Widerspruch der Bundeskanzlerin, des Saales verwiesen.

Angela Merkel befindet sich weiterhin in „Erdogans politischer Geiselhaft“, wie Helmut Hubacher in der Basler Zeitung jüngst treffend feststellte. Sie hat sich durch den „Flüchtlingsdeal“ bereitwillig selbst dort hineinmanövriert. Daher muss sie einen Kniefall nach dem anderen vor Kleinasiens oberstem Nationalislamisten proben.

Im krassen Gegensatz dazu, scheint es ausgerechnet der unbeliebte US-Präsident Donald Trump zu sein, der der westlichen Welt zeigt wie man die AKP und die traditionelle staatlich-türkische Erpressungsdiplomatie erfolgreich aushebelt.

Denn unter dem Strich bleibt festzuhalten: Andrew Brunson ist wieder frei, Fetullah Gülen ist es weiterhin und beide befinden sich in den USA.

Trump hat seinen Pastor bekommen. Erdoğan hingegen musste auf die Auslieferung seines Predigers verzichten.

Wie genau der US-Präsident zu diesem Erfolg gekommen ist, bleibt wohl sein Geheimnis.

Ob es allein die Drohung mit Sanktionen war? Vielleicht?!

Man muss sich aber nicht wirklich weit aus dem Fenster lehnen, um behaupten zu können dass sein Rezept mit Sicherheit nicht „Appeasement-Politik“ hieß.

 

Zum besseren Verständnis und zum Weiterlesen:

 

  • Vosganian, Varujan (2017): The Book of Whispers, Yale University Press, S.159

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Libanesische Reliquien an der Côte d’Azur

Wenn wir an Cannes denken, fallen uns in der Regel an erster Stelle Filmfestspiele, Jet-Set, mediterranes Lebensgefühl und französisches Savoir-Vivre ein. Fortgeschrittene Fans der Côte d‘Azur denken vielleicht als nächstes an die malerischen Gassen des Suquet, die gesäumt von Spezialitätenrestaurants zur Festung hinauf führen.

Auf dem Pflichtprogramm eines jeden Cannestouristen steht natürlich der „Palais de Festival“.

Nur wenige hundert Meter entfernt steht die Kirche „Notre Dame de Bon Voyage“. Insidern ist der Sakralbau vor allem deshalb ein Begriff, weil er Napoleon Bonaparte im April 1814 auf seiner Rückkehr von Elba, gut ein Jahr vor der Schlacht von Waterloo, als Nachtquartier diente.

In der katholischen Kirche fand am 03.April 2005 eine Messe nach maronitischem Ritus statt.

Notre Dame de Bon Voyage beherbergt seit diesem Datum die Reliquien von drei Heiligen aus dem Libanon.

Ein Bild am nördlichen Seitenschiff der Kirche weist auf darauf hin. Es ist besonders auffällig, weil es als Bild in einer lateinisch-katholischen Kirche aramäische Schrift enthält. Syrisch-aramäisch ist die Liturgiesprache der maronitischen Christen des Orients.

Zum ersten Mal präsentierte damals eine katholische Kirche in Frankreich ihren Gläubigen dauerhaft die Reliquien libanesischer Heiliger zur Verehrung. Das gab Jacques de Montchamp, Sprecher der Kirche und seit 1985 Vorsitzender der französisch-libanesischen Studentenvereinigung, damals gegenüber der Nachrichtenagentur AFP an. Die Reliquien gehören zu der, 2001 heilig gesprochenen, Rafqa Ar-Rayès, dem 1977 heilig gesprochenen Scharbel Machluf, und dem 2004 heilig gesprochenen Nimatullah al-Hardini.

Les Saints libanais

De Montchamp sprach im Vorfeld der feierlichen Einweihung von der „Begegnung einer lateinischen und einer orientalischen Kirche“.

Die Messe am Sonntag, den 03. April 2005 wurde unter Leitung des maronitischen Bischofs Georges Scandar gefeiert. Er war extra zu diesem Anlass aus dem Libanon angereist. Im Laufe der Messe fand eine Ehrung von Rafiq Baha’eddin al-Hariri, Muslim und ehemaliger libanesischer Premierminister, gehalten. Für de Montchamp hat die Erfahrung seiner gewaltsamen Tötung Christen und Muslime im Libanon zusammengeschweißt, und zu einer Art Insel des friedlichen Zusammenlebens gemacht.

De Montchamp unterstrich damals ebenfalls die Bedeutung der libanesischen Diaspora an der Côte d’Azur und die Popularität der drei Heiligen aus dem Nahen Osten.

Der Libanon ist religiös sehr heterogen bevölkert. 53% der knapp sechs Millionen Einwohner sind Muslime. Genau eine Hälfte unter ihnen bekennt sich zur schiitischen Konfession. Die andere Hälfte zur sunnitischen. Gut 40% der Bevölkerung bekennt sich zum Christentum. Gut die Hälfte von ihnen gehört der maronitischen Kirche an. Die, wie auch die maronitische Kirche, aramäisch-sprachige syrisch-orthodoxe Kirche sowie die armenischen und griechischen Kirchen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Drusen machen knapp 6% der Bevölkerung aus.

Libanon

Diese Vielfalt macht den Libanon einzigartig. Sie war bis vor gut hundert Jahren im Nahen Osten vielerorts zu finden. Anderer Orts wurde sie ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert, also bereits lange vor George Bushs Irak-Krieg, Stück für Stück zerstört. Der Libanon ist sicher nicht perfekt. In punkto Ursachenforschung für das Verschwinden von religiösen und ethnischen Minderheiten anderer Orts, wie auch in Bezug auf ein nahöstliches Staatsmodell, das ein friedliches Zusammenleben garantiert, kann man viel von diesem kleinen und faszinierenden Land lernen.

Ein wesentlicher Garant dafür ist das Wahlgesetz von 1995, das eine gleichmäßige Verteilung von Parlamentssitzen nach konfessioneller Zugehörigkeit der Parlamentarier garantiert. Von 128 Abgeordneten, sind 34 Maroniten, 14 Griechisch-Orthodoxe, 8 griechische Katholiken, 5 Armenisch-Orthodoxe, 27 sunnitische Muslime, 27 schiitische Muslime und 8 Drusen.

Werden wir schon 2020 mit unseren Hunden sprechen können?

Hunde zu verstehen ist eine Wissenschaft für sich, die immer mehr Menschen in ihren Bann zieht.
Nicht umsonst erfreuen sich Hundeflüsterer wie Cesar Millan, Glen Stanford oder Martin Rütter stetiger und stetig wachsender Beliebtheit.
Welcher Tierfreund, der in den 90ern Teil der Fernsehnation war, träumt nicht davon seinen treuen Gefährten auf vier Pfoten so zu verstehen, wie der Zuschauer die Gedanken der Bordeauxdogge Tequila aus der US-Fernsehserie „Tequila und Bonetti“, oder sich sogar mit ihm und anderen Tieren unterhalten zu können wie Dr. Dolittle?
Geht es nach Zoolingua, könnte dieser Traum schon bald in Erfüllung gehen.
Das Start-Up verspricht ihn mit einer innovativen Erfindung wahr machen zu können, die schon 2020 einsatzbereit sein könnte.

Dr. Constantine „Con“ Slobodchikoff ist Professor der Biologie an der Universität von Arizona. Seit dreißig Jahren untersucht er das Verhalten von Tieren. Und er ist sich sicher, dass sie sprechen. Sie benutzen eine mehr oder weniger ausgeklügelte Form der Sprache. Vor allem Hunde sind in der Lage zu kommunizieren, zu verstehen und zu reagieren.

Aus diesem Grund hat er sich entschieden, das Start-Up Zoolingua zu gründen. Nachdem Dr. Slobodchikoff vor einigen Jahren bereits für Furore sorgte, als ihm die Entschlüsselung der Sprache von Präriehunden gelang, ist es nun sein Wunsch Unterhaltungen zwischen Mensch und Hund möglich zu machen. Im ersten Schritt hat er die Sprache der Tiere erforscht und dokumentiert. Nun möchte er sie entschlüsseln.

Das Konzept von Zoolingua beruht auf, Algorithmen basierter, künstlicher Intelligenz. Sie soll Rufe, Laute, Ausdrücke und Haltungen analysieren, um dann im nächsten Schritt eine schriftliche Übersetzung dessen zu erstellen, was das Tier uns Zweibeinern mitteilen möchte. Wie eine verbale Konversation unter Menschen darf man sich die Funktionsweise von Zoolingua also nicht vorstellen.

Das Prinzip ist einfach und Zoolingua konzentriert sich zunächst auf Hunde.
Der Wissenschaftler ist darüber hinaus der Überzeugung, dass sein Konzept auf alle Tiere angepasst werden kann, und wir uns in ein paar Jahren beispielsweise auch mit einer Kuh unterhalten können werden.

Dr. Slobodchikoff rechnet damit, dass sein Roboter in zwei bis maximal fünf Jahren einsatzbereit sein wird, sollten zwischenzeitlich keine unerwarteten finanziellen Schwierigkeiten auftreten.

Was dem ein oder anderen wie eine niedliche, aber sinnfreie, Spielerei erscheinen mag, hat einen sehr ernsten Hintergrund, dem ein starkes praktisches Interesse an der Umsetzung der Idee zugrunde liegen sollte.Leider wird dies auch von einigen Wissenschaftlern und Journalisten nicht immer direkt verstanden, und für seine Forschung wird der Biologe bisweilen auch belächelt. Davon lässt sich Con Slobodchikoff aber nicht beirren, und erklärt den extremen praktischen Nutzen wie folgt:

„In den USA werden gegenwärtig zwei bis drei Millionen Hunde jährlich eingeschläfert, und das hauptsächlich weil sie Verhaltensweisen an den Tag legen, die auf Bedürfnissen beruhen, die sie dem Menschen nicht erklären können.“

Ob das Interesse an Slobodchikoffs Erfindung so groß sein wird, wie Zoolingua es sich erhofft, ist zwar fraglich, aber es wäre dieser inspirierten und innovativen Idee von Herzen zu gönnen.

 

Zuerst erschienen auf
Glocalist – Tagesonlinezeitung für Innovation: Werden wir schon 2020 mit unseren Hunden sprechen können?

Pauli 12

Couching with Pauli